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Published on Januar 31st, 2020 | by Amadé Fries

Das schwierige zweite Album

Die erste Generation des Range Rover Evoque hat eingeschlagen wie die sprichwörtliche Bombe. Nicht trotz, sondern wegen seines exzentrischen Designs verkaufte er sich wie die ebenfalls sprichwörtlichen warmen Brötchen. Der hohe Preis, die schlechte Übersichtlichkeit, die ausladende Breite und das nicht über alle Zweifel erhabene Fahrwerk konnten den Erfolg nicht ansatzweise brechen. Der Evoque wurde für Land Rover zum absoluten Erfolgsmodell. Er hat zudem die Designrichtung für die gesamte Marke vorgegeben. Nun steht die zweite Generation zum Test bereit.

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Und wie es Überraschungsbands mit ihren zweiten Album schwer haben, sind auch die Erwartungen an den neuen Evoque hoch gesteckt. Bleibt der Stil gleich, erkennt man aber dennoch einen Fortschritt zum bereits gelungenen Erstlingswerk? Oder probiert man mit einer schlichten Kopie den Erfolg zu wiederholen? Wer auf verständnisvolle Fans bauen kann, darf sich sogar eine völlige Neuorientierung erlauben. Wenn sich Radiohead oder Madonna in der Neuerfindung des Selbst üben, kann das von totaler Ablehnung bis zu hemmungsloser Verliebtheit die ganze Bandbreite an Gefühlen auslösen. Doch auf dieses Spektrum hat man bei Land Rover keine Lust. Zumindest äusserlich ist es schwer, überhaupt Unterschiede zu finden. Wer sich keine Fugenverläufe oder Leuchtengrafiken merken mag, findet das einfachste Unterscheidungsmerkmal in den komplett versenkten Türgriffen. „Ja, das ist der Neue.“ Wenn der Nachbar die Anschaffung aber bemerken soll, empfiehlt sich eine abweichende Farbe. Nicht mit Farbe, sondern mit dem Rotstift gestrichen wurde übrigens die Coupé- und damit wohl auch die coole Cabriovariante des Evoque.

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So steht nun ein P200 in der R-Dynamic-SE-Version vor mir. Und ich ärgere mich zum ersten Mal. Wie kommt man 2019 auf die Idee, bei einem Premiumfahrzeug auf das schlüssellose Aufschliessen der Türen zu verzichten? Wir buchen das als Versehen des Bestellers aus und nehmen Platz. Auf den Ärger folgt ein wenig Verwunderung: Aus dem umfangreichen Katalog an Farben und Stoffen wurde die einheitlichste Kombination in Schwarz/Schwarz gewählt. Sicher, der Mode ist man so nicht unterworfen, die Abgrenzung von weit günstigeren Mitbewerbern wird aber auch nicht gerade einfacher.

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Der Druck auf die Starttaste weckt den Zweiliter, der seine 200 PS über eine 9-Gang-Automatik auf alle vier räder überträgt. Bei einem Gewicht von 1850 kg bleiben sportliche Höchstleistungen aussen vor. Es ist das souveräne und stilvolle Vorankommen, das hier angestrebt wird. SUV mit Verwöhnaroma sozusagen. Tatsächlich macht sich schon auf den ersten Metern ein gewisses Premium-Feeling breit. Die Lenkung im Stil des Hauses leichtgängig aber präzise, die Pedalkräfte perfekt justiert, der Automatikwählhebel mit eingägiger Bedienlogik. Ja, Wählhebel; der runde motorisch ausfahrende Wählknopf ist in der zweiten Generation passé. Dass man nun nur mit Verrenkungen an den genau davor liegenden Volumendrehknopf kommt, hat niemand bemerkt. Mag man bei Land Rover keine Musik?

Beim Klang des Vierzylinders könnte man allenfalls noch zustimmen, hält er sich doch meist sehr anständig zurück. Doch dreht man die Meridian-Anlage auf, ist klar, Sound gehört durchaus zur Evoque-Welt. Man muss ihn halt einfach selbst mitbringen. Die Bedienung über die beiden Touchscreens und die Lenkradtouchtasten ist ähnlich praktisch wie im Velar oder I-Pace. Also nicht so sehr. Dafür schaut das Interieur ungemein aufgeräumt und modern aus, auch wenn ihm auch nach längerer Betrachtung eine Prise Extravaganz zu fehlen scheint.

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Extravagantes Fahren überlässt der Evoque jenen SUV, die sich als besonders sportlich ausgeben. Sein Fahrwerk ist auf bequemes Cruisen ausgelegt, was von einem harmonisch arbeitenden Abstandstempomaten passend unterstützt wird. Auf einer Fahrt nach Milano kann er diese Qualitäten zur Schau stellen. Bequeme Sitze und die komfortable Abstimmung machen den 3-Stunden-Trip erträglich. Die diversen Kameras helfen beim Parken. Im City-Verkehr der norditalienischen Metropole punktet der Baby-Range mit seinem adretten Äussern und der souveränen Routenführung des Navis.

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Sicher, komfortabel und bequem gestaltet sich so auch die Rückfahrt. Die landschaftlich lohnenswerte Route über die alte Gotthardpassstrasse fällt aufgrund der Wintersperre in den Schnee. Der Evoque ist darüber vielleicht gar nicht so unglücklich, bieten seine Sitze doch kaum Seitenhalt. Dazu kommt: Als Fahrer ist die Aussicht nur durch die Front- und Seitenscheiben geniessen, obwohl das Panoramadach installiert ist. Doch dessen Glasfläche beginnt erst auf Ohrenhöhe und bringt so nur den (wahrscheinlich äusserst seltenen) Gästen auf der Rückbank etwas. Also: 1600 Franken sparen und auf das Glasdach verzichten.

Wenn wir schon bei den Kosten sind, ist wieder einmal das bekannte Bonmot zu bemühen, wonach ein besonderer Geschmack noch nie günstig war. Der Range Rover Evoque kostet als R-Dynamic SE mit dem 200 PS-Aggregat und einer angemessenen Ausstattung 76’500 CHF. Und es ist nicht so, dass man mit einem besonders leichten Gasfuss die Spritrechnung arg dezimieren könnte. 9,7 Liter im Schnitt sind ok, in Anbetracht des Temperaments aber auch keine Glanzleistung.

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Nun, wie verhält es sich jetzt mit dem zweiten Evoque-Album? Sicher, die Form ist gelungen, das Design wird den Fans gefallen. Wo der alte eher mit Härte Sportlichkeit suggerieren wollte, steht im neuen Evoque der Komfort im Vordergrund, was durchaus logisch erscheint. Auch sonst wurde er in vielen Bereichen verbessert, wobei der ganz grosse Sprung ausbleibt. Die Evoque-Anhänger können beruhigt zugreifen. Ob er jedoch viele neue Kundinnen gewinnen wird, ist eher anzuzweifeln.


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