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Published on Dezember 3rd, 2019 | by Amadé Fries

Die Elektrokatze

Es ist so weit: Der Test mit dem lange erwarteten Jaguar I-Pace steht an. Benennen wir den Elefanten im Raum gleich zu Beginn: Nach Tesla ist Jaguar nun der erste europäische Hersteller mit einem Elektroauto im Premiumsegment. Und was für ein Auto: Satt steht er da, die weisse Lackierung steht ihm blendend, Proportionen wie bei einem Concept Car, die Räder scheinbar riesig.

Dabei ist der elektrische Neuankömmling trotzdem sofort als Mitglied der eleganten Jaguar-Familie zu erkennen. Designer Ian Callum hat ihm einen Grill verpasst, den er nur als optischen Zierrat trägt. Form follows function war gestern. Heute geht es darum, Autos auch in der Elektroära begehrenswert zu gestalten. Genau das ist Callum beim I-Pace geglückt.

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Dass auch der Neue die nicht sonderlich praktischen Türgriffe des Range Rover Velar spazieren fährt, geschenkt. Hier steht ein sportlicher SUV, in den man einfach nur einsteigen will. Und genau das tue ich jetzt auch. Im Testwagen empfängt eine helle Lederausstattung auf freundlich edle Weise. An kekskrümelnde Kinder hat dabei keiner gedacht. Ich sitze aber sowieso alleine drin, drücke auf „Start“ und es passiert… nichts. Die Ruhe nach dem Motorstart ist den Elektroautos zu eigen.

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Im Wissen, dass umgerechnet 400 PS unter dem Pedal schlummern, drücke ich nur sanft drauf. Und siehe da, ein geschmeidiger Abgang gelingt im ersten Versuch. Ja, so fühlt sich die Zukunft an. Das Fahren bleibt gleich, der Lärm ist weg. Wie bei Jaguar üblich ist eine sehr präzise aber leichtgängige Lenkung verbaut. Der Fahrkomfort ist sehr gut, trotzdem werden Kurven ohne übertriebene Seitenneigung durchfahren. Genau so muss das sein.

In jeden Bericht über ein Elektroauto gehört das Feststellen und Erstaunen ob der ansatzlosen Beschleunigung ab Stillstand. So ist das natürlich auch hier. Wer seine Mitfahrer ohne Vorwarnung mit einem Vollgasstart konfrontiert, dürfte zwei Tage später die Rechnung des Chiropraktikers unter die Nase gerieben bekommen. Viel spannender aus Testersicht: Das Bremsen. Oder besser gesagt: Das Nicht-Bremsen. Denn wer im Menü die Rekuperation auf „stark“ einstellt, kann den I-Pace weitestgehend mit dem inzwischen Fahrpedal genannten Instrument steuern. Das schont nicht nur die Bremsanlage, sondern schlägt sich direkt in Form von zurückgeführter Energie in der Batterie nieder.

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Kann denn nun dieser 2,2-Tonner, der in unter 5 Sekunden auf 100 km/h beschleunigt auch Sport? Ja, kann er. Natürlich flitzt er nicht den Berg hinauf wie ein Ariel Atom, ist aber auch bei Weitem nicht so schwerfällig wie andere SUV. Wer zu optimistisch in die Bögen donnert, wird vom bestimmt regelnden ESP zurück in die Bahn gedrückt. Die im Testwagen montierten Sportsitze bieten mässigen Halt. Wer öfters sportlich unterwegs ist, sollte sich die Performancesitze anschauen.

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Kommen wir zum dunklen Kapitel. Der Jaguar I-Pace kann momentan nur einphasig laden. Was das bedeutet sei kurz in einem tatsächlich so erlebten Praxisbeispiel erläutert. Nach der Übernahme des Testwagens habe ich ungefähr 250 Kilometer zurückgelegt. Kein Problem, denn die Reichweite soll ja 400 Kilometer betragen. Über Nacht stelle ich den I-Pace in ein Parkhaus mit 22kW-Ladestation. Dies ist eine übliche Konfiguration. Pro Stunde kann der I-Pace nur ca. 3,7 kWh aufnehmen. Somit reicht mir die Nacht nur für 44 kWh des gesamthaft 90 kWh fassenden Akkus. In der Folge habe ich es nie geschafft, die Batterie wieder ganz zu füllen. In den meisten Fällen hätte es über 20 Stunden an der Steckdose gebraucht, um auf 100% zu kommen. Das ist einerseits schlicht nicht praktistauglich und andererseits auch unverständlich, da sowohl Audi e-tron als auch Mercedes EQC das dreiphasige Laden drauf haben.

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Auf längeren Strecken ist das einphasige Laden übrigens überraschenderweise kein Problem: Die Ladestationen auf Raststätten bieten in der Regel die Möglichkeit mit Gleichstrom zu laden. Ich habe das an einer Säule von Ionity getestet, wo ein Ladevorgang fast 9 Franken kostet. Tatsächlich ist die Reichweite innert einer halben Stunde massiv angewachsen, was übrigens von einer beeindruckenden Soundkulisse in Form eines entschlossenen Sirrens begleitet wird.

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Zurück zu den Vorzügen des I-Pace. Vier oder gar fünf Personen finden bequem Platz. Der Stauraum im Kofferraum ist ausreichend, die Rücksitze für eine Erweiterung umklappbar. Der vordere Kofferraum (Frunk) vermag ausser ein paar Ladekabeln nicht wirklich viel aufzunehmen. Die Bedienung über die beiden Touchscreens gibt keine Rätsel auf, lenkt aber zu sehr ab. Das gut ablesbare HeadUp-Display gefällt. Ebenso die vielen USB-Steckdosen für Handys und Tablets. Die Matrix-LED-Scheinwerfer leuchten die Strasse perfekt aus. Die Meridian-Soundanlage beschallt den Innenraum gekonnt.

Was bleibt am Ende? Der Jaguar I-Pace ist definitiv das beste Auto, das ich 2019 bewegt habe. Er macht so Vieles richtig und vergisst dabei nicht, dass fahren auch Spass machen sollte und nicht zwingend nach Verzicht aussehen muss. Natürlich ist dieser Spass mit einem Testwagenpreis von annähernd 106’000 CHF nur für Wenige überhaupt erreichbar. Mit einem Verbrauch von fast 25kWh auf 100 Kilometer sind die 400 Kilometer nicht zu schaffen. Die Reichweite an sich verdient das Prädikat „absolut alltagstauglich“. Leider ist der I-Pace in der aktuellen Konfiguration mit einphasigem Laden trotzdem nicht fit für den Alltag. Und so muss ich allen Interessierten raten: Gedulde Dich, bis ab Frühjahr 2020 auch der I-Pace EV400 dreiphasig laden kann.

 

Smart Cone – Präsentation Jaguar I-Pace.


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