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Published on Mai 27th, 2019 | by Marc Wegmüller

Die Zweieinhalbtonnen-Chamäleonszunge

«Wumm-wumm!» Pusten meine zweijährigen Zwillinge inbrünstig drauflos, wenn man sie nach dem Jeep frägt. Das Gefährt muss sie mindestens auf Schallebene ziemlich berührt haben – pusten sie es doch gefühlt mit demselben Dezibelwert in die Nachbarschaft, wie die vier Endrohre des Vorbilds. Der mächtige Auftritt des grossen Amerikaners beeindruckt auch ältere Ohren; ganz besonders wenn der Benzinhahn aufgeht. Nicht nur auf die Lauscher prasselt der tiefergelegte Hochbeiner: Sämtliche fühlbaren menschlichen Organe senden Reize ans Hirn. Objektiv betrachtet – von der Beifahrerinnenseite aus – ist das eine Tortur für Mensch und Umwelt. Und die Geräuschkulisse obendrauf äusserst peinlich – zum Glück sind die Fenster leicht abgedunkelt und die Verursacher somit von aussen schwer erkennbar.

Vorne links und die halbwüchsige Equipe auf den Rücksitzen fordern jedoch den Wiederholungsfall. Wieder und wieder: «Launch» heisst die Taste rechts vom Fahrersitz. Sie will den linken Fuss auf der Bremse, den rechten auf Vollgasstellung. Bis die Hinterräder durchdrehen. Dann den linken Fuss heben, und ab geht die Post. A-Post Express overnight, wohlverstanden! Nicht mal den engagiertesten Päckchenwerfern von UPS und Co. gelingt so eine schwungvolle Zustellung. Unser «Paket» wiegt zweieinhalb Tonnen, und Vollgas fühlt sich an, wie vom Eifelturm erschlagen zu werden – oder wie eine übergrosse Chamäleonszunge auf dem Rücken eines Insektes. Zack! Zerklatscht!

Ist die Strasse nass, gehören beide Hände an die Deichsel. Die Antriebsschlupfregelung klatscht es zur Seite, alle vier Räder drehen hoffnungslos durch; man rudert mit dem Lenkrad wie mit einem Löffel in der Teetasse, der Tacho schnellt auf hochillegale Ziffernkombinationen. Greifen die Pirelli P Zeros (den Trackhawk zieren keine Allwetterkaugummis, sondern erwachsene Sportwagenreifen) in den Belag, knallt es einen an die Rückenlehne und lässt auch äusserst emotionale Anhänger von Viermalvierverboten, Fluglärmgegner, Tierretter und Fahrer von Fahrzeugen mit viel Kupfer und seltenen Erden an Bord nicht schlecht staunen.

Die Quelle dieses bei Geländewagen bisher unerreichten Vorwärtsdrangs sprudelte bisher im Dodge Challenger. Dort heisst sie «Hellcat». Ziemlich furchterregend! Technisch gesehen hätte es das alles schon vor Jahrzehnten geben können, der Achtzylinder vertraut auf einer zentralen Nockenwelle und schnauft über einen mechanisch angetriebenen Kompressor. Schon in den 1970ern war das Dr. Oetker für muskelbepackte Autos. Das Rezept funktioniert heute noch, Chrysler versteht es, die Achtzylinder sparsamer, leichter und sauberer zu machen. Ganz nebenbei gibt es Laufruhe, Zuverlässigkeit – und höllischen Dampf.

3,7 Sekunden von Null auf Hundert. Das ist zwar eine ganze Sekunde länger als beim Tesla Model X, aber seine polternde, urtümliche Art macht ihn gefühlt schneller als alles bisher Gesehene. Sowieso auf offener Strecke: Der Trackhawk ist mit 290km/h das schnellste SUV der Welt, der Tesla geht «nur» bis 250. Ein Blick unter die Motorhaube wirft einen um Jahrzehnte zurück. Einerseits fehlen Plastikabdeckungen komplett, der imposante HEMI V8 darf seine orangefarbenen Zylinderkopfdeckel und den mächtigen Lader zeigen. Andererseits scheint die Zeit stillgestanden zu sein, bei vielen anderen Herstellern gibt es nur noch orangefarbene Kabel. Out of date, ein Relikt aus alten Tagen, Schwiegermutterschreck – alles Wüste kann man über den Trackhawk sagen. Aber 707 PS aus der «alten Welt» sind eben schon verdammt eindrücklich. Nach vielen «Launchs» und musikalischen Zwischensprints in Autobahntunnels haben wir übrigens noch die hervorragenden Reisewagenqualitäten des Monsters kennengelernt. Aber dafür braucht man nicht unbedingt die knapp 150’000 Franken für den Benzinschlucker (unser Test mit vielen Showeinlagen: 24l/100km) auf den Tisch zu legen. Ausser dem Supersprint und dem Hinguckäusseren gibt es alle Qualitäten auch beim Grand Cherokee mit Diesel-V6


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