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Published on Dezember 25th, 2021 | by Amadé Fries

Grosse (oder keine) Emotionen

Was würde man über den Abarth 595 Competizione schreiben, wenn man völlig frei von Emotionen, total sachlich und vielleicht auch ein bisschen hart zu ihm wäre? So in etwa das:

Ja, er schaut süss aus. Aber er kostet auch 40’000 Franken. Die Sitzposition ist seit 2007 eine Katastrophe. Das Lenkrad steht zu flach. Die Sportsitze sehen zwar grossartig aus, bieten aber so viel Seitenhalt wie das heimische Sofa. Die automatisierte Schaltung lässt einen den Kopf nicken, als wäre man gestern durch die Fahrprüfung gefallen. Die Multimediaeinheit kann zwar Apple CarPlay und Android Auto, scheint aber trotzdem aus grauer Vorzeit zu stammen. Auch 2021 gibt es kein Keyless, keinen Abstandstempomaten, keine Sitzenhöhenverstellung, keine Sitzheizung. Und auch jetzt muss man den Tankdeckel noch jedes einzelne Mal mit dem Schlüssel aufschliessen. Das hoppelige Fahrwerk und die indirekte Lenkung können nicht überzeugen. Eine Rückfahrkamera fehlt ebenso wie die Parkpiepser vorne – unverständlich bei diesem Preis, für den es auch einen Toyota GR Yaris gäbe.

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So, genug des Tadels. Ich schalte meine Emotionen wieder ein und habe sofort ein Grinsen im Gesicht. Diese Form. Seit 2007 imitiert sie erfolgreich den Fiat Nuova 500. Der wurde ab 1957 gebaut und war konzeptmässig ganz anders gestrickt. Die Retroadaption lebt nun bald 15 Jahre auf der Plattform des damaligen Panda. Doch das ist egal, weil er einem eben auch heute noch dieses Lächeln ins Gesicht zaubert. Das funktioniert nicht nur, wenn man am Steuer sitzt, sondern auch als Beobachter von aussen. Dabei ist der 500 als Abarth 595 Competizione ein ganz schöner Raubauke.

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Rabauke? Yep! Erkennbar nicht nur an den zahlreichen Abarth-Insignien in Form von Logos und Schriftzügen, sondern vor allem an den grosszügigen Verspoilerungen und dem auffälligen Vierrohr-Ensemble am Heck des Autos. Die Record Monza-Anlage klingt, wie man das heute fast nicht mehr kennt. Sie wurde nicht wie der Elektrosound von BMW von Hans Zimmer komponiert. Der Klang ist nicht schön, sondern eher schön böse, im Stile eines plärrenden Rennwagens bei einem Bergslalom. Herrlich. Besonders lautstark wird der Ton übrigens erst mit Druck auf die Skorpiontaste im Innenraum.

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Ja, der Inneraum ist eine Geschichte für sich. Tatsächlich ist die Sitzposition katastrophal. War sie immer, wird sie offenbar immer bleiben. Denn man sitzt zu hoch, kommt mangels Axialverstellung des Lenkrads demselben nur dann nahe genug, wenn man die Beine sehr stark anwinkelt. In dieser Froschposition schlagen selbst meine Knie an die nicht gepolsterte Mittelkonsole, auf denen sich die Knöpfe zur Bedienung des automatisierten Schaltgetriebes finden. Dieses wird auch nicht mehr besser. Immerhin lässt es sich im manuellen Modus über die Paddel am Lenkrad halbwegs schnell ansteuern. Im Normalmodus ist die Schaltung zu lahm, im Skorpionmodus hält sie die Gänge zu lange. Tja. Aber weil wir das Jammern im ersten Abschnitt schon abgehandelt haben, lasse ich es gut sein.

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Das Competizione-eigene Koni-Fahrwerk glänzt zwar nicht mit übermässigem Komfort, hilft dafür beim Kurvenwetzen. Darum dringende Empfehlung: Rennsportsitze GT by Sabelt. Die kosten zwar nochmals 2000 Franken, dürften aber deutlich mehr Seitenhalt bieten als die im Testwagen verbauten Sportsitze. Ausserdem sehen sie (zumindest auf der Abarth-Website) einfach grossartig aus. Im Konfigurator lässt sich die Aussenfarbe Blue Rally gar nicht mehr auswählen. Das ist schade, denn sie steht dem kleinen Rennfloh wirklich gut. Mattblau ist nicht für Menschen gemacht, die in der Masse untertauchen möchten. Aber an die richtet sich der Competizione wohl sowieso eher nicht.

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Wer sowas wie den Abarth 595 Competizione kauft, der muss ein echter Fan der Italianità sein, um gewisse Schrullen zu ertragen. Klar, der kleine Racker rast in 6,7 Sekunden auf 100 Sachen. Logo, er schaut immer noch zum Verlieben aus. Aber er ist tatsächlich 5000 Franken teurer als ein VW Polo GTI in Basisausstattung, wobei der Wolfsburger auch noch 27 PS und zwei Türen mehr hat. Aber der Wolfsburger schaut natürlich zum Einschlafen aus, wenn daneben die Kulleraugen des Abarth aufleuchten. Und er klingt wie Liftmusik, während der 595 rockt wie Krokus auf der vielleicht dann wirklich allerletzten Tour. Und wie Krokus, muss man vielleicht auch für den 500 ein bisschen im letzten Jahrtausend steckengeblieben sein.

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Ein weiterer Vorteil beim Abarth: Er ist klassenlos wie ein Mini oder ein Smart. Dort fragt auch niemand nach dem Preis. Oder nach dem Kofferraumvolumen. In einer Zeit, in Elektroautos gepusht werden, die gefühlt mehr Verkehrsfläche als ein Lastwagen einnehmen, kann das Fahren eines kleinen knackigen Italieners durchaus auch ein Statement sein. Dass er dabei noch verbrennerklassisch schreit, schadet seinem Jö-Image komischerweise gar nicht. Die Sympathie klebt regelrecht an der mattblauen Knutschkugel.

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Genug des Lobs? Ok, ein bisschen Objektivität muss zum Schluss dann schon sein. Und da wirkt der Preis abschreckend, insbesondere wenn man in mit der B-Segment-200-PS-Liga vergleicht. Zieht man den Mini heran, schaut es nicht mehr ganz so krass aus. Trotzdem muss angemerkt werden: Dieser ist wesentlich moderner, grösser und bequemer. Warum man bis heute keine wirklich guten Sitze verbaut, wird für immer das Geheimnis von Fiat und Abarth bleiben. Und so bleibt auch der Entscheid für den Abarth 595 letztlich ein vollends emotionaler. Keiner, den man nachvollziehen können muss. Sondern einer, den man voller Überzeugung für sich und den kleinen Schreihals fällt.


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