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Published on Juni 21st, 2018 | by Amadé Fries

Reizende Vernunft

Kia ist vernünftig. Kia kauft man aufgrund perfekter Qualität und unglaublichen 7 Jahren Garantie. Kia ist ein bisschen langweilig. Vergesst die Vorurteile, schaut euch den brandneuen Kia Stinger GT an. Was für ein Auto!

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Ok, über das bis zu den Side Impact Lights nach vorne gezogene Band der Heckleuchten kann man streiten, aber sonst? Unglaubliche Proportionen, eine aggressive und doch stimmige Front, ein keckes Heck, grosse Räder und dazu da und dort in Braunchrom gehaltene Details. Eine Wucht von einer Limousine, die natürlich als Fastback oder gar viertüriges Coupé verstanden sein will. In Rot würde man vielleicht sogar italienische Gene vermuten, das Weiss des Testwagens nimmt ihm eher noch etwas von seiner trotzdem noch sehr eindrücklichen Präsenz.

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Und die optische Präsenz kommt ja nicht von ungefähr: Unter der elegant ausgeschnittenen Haube sitzen längs eingebaute Motoren, der Antrieb erfolgt (mindestens) über die Hinterräder und die Gänge werden von einer selbst entwickelten Automatik gewechselt. Schüchtern war gestern. Der Stinger ist der Tatbeweis für das Potenzial des südkoreanischen Herstellers. Und ich darf das Spitzenmodell testen: 3,3 Liter V6, 370 PS, Allradantrieb, Adaptivfahrwerk und vieles mehr für knapp unter 60’000 Schweizer Franken.

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Schon beim Reinsitzen zeigt sich, die Entwickler haben sich deutsche Premiumautos ganz genau angeschaut. Die Sitzposition ist perfekt einstellbar, garantiert gute Aussicht und optimale Distanzen zu Pedalen und Lenkrad. So muss es sein. Auch wer gerne tief sitzt, findet im Stinger angenehm Platz. Mein Blick fällt auf klassische Rundinstrumente, ein hübsches Multifunktionslenkrad und schön angeordnete Knöpfe auf der Mittelkonsole. Auch wenn nicht alles Metall ist, was so ausschaut, so ist doch durchgängig der Anspruch wahrnehmbar, ein besonderes Stück Automobil zu bauen. Dazu passen die prägnanten runden Lüftungsdüsen im Stile aktueller Mercedes-Modelle. Ebenfalls mit Blick nach Stuttgart gestaltet: Die Abdeckungen der Lautsprecher in edel gelochter Metalloptik. Der grosse Touchscreen ist gut erreichbar, auch wenn eine Bedienung über einen Dreh-Drücksteller weniger Ablenkung bedeuten würde.

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Doch nun gilt es die Begriffe „Drehen“ und „Drücken“ auf der Strasse zu erleben. Der Twinscroll-Turbo darf ein bisschen geforderet werden, also schalte ich das Fahrprogramm von Comfort auf Sport. Die Anzeigen werden rot, Gaspedal und Lenkung härter, dazu schaltet die Automatik gleich einen Gang zurück. Der Stinger hängt jetzt herrlich am Gas, animiert regelrecht zum zackigen Kurvenfressen. Weite Bögen, enge Kehren, knackiges Rausbeschleunigen, das alles hat der Dynamik-Koreaner bestens drauf. In der Lenkung würde ich mir noch etwas mehr Gefühl und damit auch Präzision wünschen. Power ist dagegen jederzeit genügend vorhanden, kein Wunder bei 370 PS. Das Fahrwerk vermittelt sportliche Härte, ohne auf eine vernünftige Portion Restkomfort zu verzichten. Den Unterschied zum Komfortprogramm hat mein Popometer hier nicht wirklich herausspüren können. Etwas ambivalent stehe ich dem Sound gegenüber, der den formschönen Auspuffendrohren entweicht: Einerseits ist es erfrischend, dass ihnen für einmal kein überlautes pseudosportliches Geröhr entweicht. Andererseits mag man als Fahrer einer Sportvariante durchaus ein Aggregat, das auch akustisch zu verwöhnen weiss.

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Später auf der Autobahn ergibt sich für mich ein akustischer Genuss der anderen Art: SRF3 überträgt das Konzert der Foo Fighters in Bern live, ich fahre derweil mit dem Stinger von Zürich nach Luzern. Die legendäre Queen-Nummer Under Pressure hallt aus den Lautsprechern und lässt bei mir Erinnerungen an den grossartigen David Bowie aufkommen. Ein wunderbarer Moment in einem tollen Auto. Dabei fällt auf, dass sich der GT ebena auch als solcher versteht. Natürlich kann er schnell, aber er kann eben auch der angenehm unaufdringliche Reisewagen für vier sein. Der Kofferraum ist zwar flach, dank der grossen, elektrisch öffnenden Klappe aber gut erreichbar.

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Im Rundum-Glücklich-Paket von Kia ist selbstverständlich auch die aktuelle Assistenzarmada dabei. Der Spurhalteassistent hält die Spur, der Regensensor spürt die Regenmenge und die Volllichtautomatik blendet in der Dunkelheit auf. Besonders nützlich fand ich die Vogelperspektive des Parkassistenten, die ein präzises Navigieren unterstützt. Automatisches Einparken beherrscht der Stinger aber nicht. Dafür hält sein adpativer Tempomat die Geschwindigkeit, bremst bei Stau bis zum Stillstand ab und lässt sich dann mit einem Fingerschnippen an der entsprechenden Lenkradtaste wieder starten. So einfach kann die moderne Autowelt sein.

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Noch etwas moderner geht es am Formel E-Prix in Zürich zu, den ich mit dem attraktiven Koreaner besuche. Dank meiner frühen Anreise finde ich einen Parkplatz unweit des Baur au Lac. Der Stinger macht auch in Zürichs Bankengegend eine gute Figur. Vor dem grossen Publikumsansturm geniesse ich das Sirren der rein elektrischen Rennwagen während des freien Trainings. Die kurze Zeit in der Sonne reicht dem Stinger mit seinen flachen Front- und Heckscheiben, um den Innenraum ordentlich aufzuheizen. Doch kein Problem: Auch die Sitzkühlung vorne ist serienmässig an Bord. Es scheint fast so, als hätten die Südkoreaner an alles gedacht. Beim Tanken fällt dann auf, dass dem nicht so ist.

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Tanken macht aus zwei Gründen nicht sonderlich viel Spass. Erstens ist der Kia Stinger GT mit der stärksten Motorisierung ein ziemlich durstiger Knabe. Die weisse Schönheit genehmigte sich im Test, der weitgehend sehr anständig gefahren wurde, nicht gerade sparsame 10,2 Liter auf 100 Kilometer. Zweitens verlangt der Stinger viel gefühlvollen Handeinsatz, um die über 8 Liter einzufüllen, die nach dem ersten Klicken noch in den Tank passen.

Dass ich mich über solche Kleinigkeiten beschweren muss, zeigt schon was für ein grossartiges Auto Kia hier gebaut hat. Natürlich ist der Stinger GT ein typischer Kia und bringt alle die ganz oben erwähnten Eigenschaften mit, nur langweilig ist er beileibe nicht. Gibt er im Alltag die brave Limousine, die obendrauf einfach noch unverschämt gut ausschaut, verwöhnt er den Sportfahrer mit Fahreigenschaften, wie man sie nur aus deutlich teureren Premiumangeboten kennt.

Kurz gesagt: Es war noch nie so reizvoll, vernünftig zu sein.


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