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Published on Dezember 18th, 2020 | by Amadé Fries

Mehr als Show

Ein Blick. Kein Zweifel. Das ist der neue Land Rover Defender. Klar, man hat es in übergrossen Lettern über den Grill geschrieben, doch das wäre gar nicht nötig gewesen. Die Form des Klassikers wurde gefühlt mit ordentlich Druckluft in ein modernes Fahrzeug überführt. Farben wie das Pangea Green des Testwagens steigern den Wiedererkennungswert weiter.

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Um das Feeling des legendären Defenders nicht nur aus der Erinnerung zitieren zu müssen, haben wir für diesen Test einen TD5 aus dem Jahr 2006 beigezogen. Es handelt sich zwar um die Kurzversion 90, doch das Fahrgefühl unterscheidet sich nicht entscheidend vom 110er. Ein Griff zum Einsteigen? Fehlanzeige, sich am Lenkrad zu halten muss reichen. Dass man nicht zentral hinter dem Lenkrad sitzt, ist längst legendär. Dass die Gänge manchmal eher gesucht als eingelegt werden müssen, kennt man heute praktisch nicht mehr. Wind- und andere Geräusche sind an der Tagesordnung. Die Lenkung dient mehr zur groben Angabe einer Richtung und der Wendekreis erreicht nahezu astronomische Ausmasse.

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Der Einstieg in den neuen Defender kommt einem Quantensprung gleich. Nicht nur, weil er einen Griff am richtigen Ort hat. Man hat enorm viel Platz, vor allem auch in der Breite. Ein Blick ins Datenblatt enthüllt: Er bleibt 4 Millimeter unter der 2-Meter-Marke. Man sitzt bequem. Und: Die Pedale sind problemlos zu erreichen, das Lenkrad liegt direkt vor dem Fahrer. Eigentlich selbstverständliche Dinge, nicht aber für Defender-Fahrer.

Diesen ebenfalls völlig unbekannt ist das Wort „Beschleunigung“. Wanderdünengleich bewegte sich der Alte, fühlte sich dafür offroad so wohl wie kaum ein anderes Strassenfahrzeug. Den neuen Land Rover Defender gibt es als P400. Die Nummer entspricht tatsächlich der Leistung. 400 PS aus einem Sahnestück von Motor. Der selbst entwickelte Reihensechser passt akustisch perfekt zum souveränen Auftritt. Eine PlugIn-Hybrid-Variante wird folgen. Dass der Dreiliter sich mit dem 2,6 Tonnen schweren 110er dank entsprechender Leistung leicht tut, ist klar, dass er aber Fossiles in rauen Mengen verschlingen dürfte, leider ebenso.

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Schnell zeigt sich also, der Neue ist zwar ein Defender, hat aber mit dem Alten wenig gemein. Insofern lässt man höchstens im Gelände eine halbwegs faire Gegenüberstellung wagen. Und nach kürzester Zeit ist klar, die Verwandtschaft ist da. Untersetzung und Geländeprogramm rein, die Luftfederung lupft den Aufbau gefühlvoll. Auch der Neuankömmling hat’s drauf, ignoriert seine nicht speziell geländetauglichen Reifen und verbeisst sich in den laubbedeckten Waldboden. Wer sich öfters ins Gelände begibt, freut sich über Features wie Wade Control, die den Wasserspiegel im Auge behält oder auch die „durchsichtige“ Motorhaube, die den Blick über Kuppen via Kameras erlaubt.

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Überhaupt die Kameras: Der neue Land Rover Defender hat so viele davon, dass sich nicht nur eine 360°-Ansicht von oben anzeigen lässt, sondern auch eine errechnete „Aussenansicht“. Bedienen lässt sich das Ganze über den Touchscreen, der über ein verbessertes Interface verfügt. Das System ist optisch sehr ansprechend, im Detail aber noch nicht ganz auf dem Niveau der deutschen Konkurrenz. Trotzdem weht nun auch durch den Defender der absolute Premium-Geruch. Darum überrascht es, dass der 100’000 Franken teure Testwagen der First Edition ohne Abstandstempomat kommt. Auch eine Abblendautomatik sucht man vergebens. Naja, vielleicht sind wir inzwischen zu verwöhnt.

Verwöhnt wird man mit Komfort und Platz. Die Sitze sind bequem und man hat einen tollen Ausblick auf die „kleinen“ SUV. Das erhabene Gefühl lässt sich mit einem gezielten Gasstoss noch steigern, der den Defender zumindest in der Längsrichtung dynamisch erscheinen lässt. „Ausreichend“ beschreibt die Leistungsreserve in Rolls-Royce-Manier trefflich. Kurven sind entsprechend dem hohen Schwerpunkt und dem reichlich vorhandenen Gewicht nun nicht so sein Ding. Klar folgt er zielgenau den Lenkbefehlen, übertriebener Optimismus wird aber mittels ESP-Eingriff zackig bestraft. Gut so, die gemächliche Fortbewegung passt viel besser zum Defender.

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Der Testwagen verfügt nicht über den dritten Platz in der Frontreihe, dafür über zahlreiche Ablagen. Platz ist auch im Gepäckabteil in Hülle und Fülle vorhanden. Davon hat es idealerweise auch in der Garage des künftigen Defender-Fahrers genug. Denn mit montiertem Ersatzrad am Heck sprengt der Geländegänger die 5-Meter-Grenze. Seitlich bringt die Transportbox am hintersten Seitenfenster zwar keine zusätzliche Breite, beim Rangieren gilt es aber, diese Kuriosität im Kopf zu behalten. Ein Blick in den Kofferraum enthült eine weitere Spezialität: Was wie eine On-Board-Kaffeemaschine aussieht, ist in Tat und Wahrheit ein kleiner Kompressor für das Füllen der Pneus nach harten Offroad-Trips. Mit anderen Worten: Pure Show. Aber eine gute.

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Damit kann man vielleicht den ganzen Auftritt des neuen Defender zusammenfassen. Er sieht unglaublich gut aus, macht auf Offroad-Fähigkeiten at its best und enttäuscht dort wirklich nicht. Nur, gebraucht werden dürften diese Fähigkeiten kaum je. Zivilere Vorzüge wie der ausgesprochen hohe Komfort, die grosszügigen Platzverhältnisse und nicht zuletzt die famose Aussicht werden bei der Käuferschaft eher im Vordergrund stehen. Ganz zuvorderst steht aber ganz bestimmt der Look und das damit verbundene Image. Wäre das nicht so, man könnte einfach zum ebenfalls sehr fähigen Discovery greifen.

Natürlich gewinnt man mit diesem grossen und schweren Fahrzeug mit Verbrennermotor (ok, mit Mildhybrid-Unterstützung) keinen Preis beim WWF. Die kurzfristige Ökobilanz fällt mit einem Verbrauch von 12,5 Liter auf 100 km eher durchzogen aus. Mit der Topmotorisierung und der Windschlüpfrigkeit eines Plattenbaus kann das nicht überraschen.

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Am Ende gebe ich den neuen Land Rover Defender P400 doch ungern zurück. Er ist ein sehr angenehmer Cruiser, der mir das Gefühl vermittelt, jederzeit auf die grosse Reise zu gehen. Egal, ob es auf dem Weg zum Ziel Strassen gibt oder nicht. Es macht Spass, ihn zu bewegen, auch aber nicht nur wegen des Sahnemotors. Sein wohlklingender Sound und die lineare Kraftentfaltung erfreuen jeden Verbrennerfreak. Grösster Negativpunkt neben dem hohen Preis ist für mich die Abwesenheit des Abstandstempomaten. Mit ihm würde man den Defender noch relaxter bewegen. Wobei ich mich nun gerade frage, ob das noch möglich ist.


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