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Revolution als Tradition

Published on September 3rd, 2011 | by zuendung

Revolution als Tradition

"Das ist ja gar kein echter Jaguar. Das ist Verrat an der klassischen Jaguar-Form. Der neue Jaguar schaut aus wie die Konkurrenz." So lasen sich in etwa die Meinungen zum neuen Jaguar XJ, als er 1968 in erster Generation gezeigt wurde. Tatsächlich unterschied er sich deutlich von seinen Vorgängermodellen. Wenn man sich aber seinen direkten Vorgänger, den Jaguar Mark X, anschaut, war das ganz sicher auch gut so. Die Form des XJ ist noch heute für viele der Inbegriff eines Jaguar. Und doch kann man nicht ewig das gleiche Kleid recyceln und updaten. Irgendwann muss etwas gänzlich neues her. Das hat sich die zum indischen Tata-Konzern gehörende Marke zu Herzen genommen. Zugegeben: Auf den ersten Blick erkennt man den neuen XJ möglicherweise nicht als Jaguar. Doch wir schauen ja bekanntlich etwas genauer hin.


Weltklasse: In Sachen Interieur macht man Jaguar nichts vor.

Vorne zitieren geschlitzte Augen die namensgebende Katze. Ihr Kopf prangt dann auch mittig im in Chrom gehaltenen Maschendrahtgrill. Die Leaper genannte Kühlerfigur ist aufgrund von Fussgängerschutzvorschriften verbannt worden. Seitlich fällt neben der eleganten Dachlinie die Chromspange am Kotflügel auf, "Supersport" steht da drauf. Hinten entfernt sich die neue grosse Limousine am weitesten vom bekannten Designterrain: Über den Kofferdeckel hochgezogene Schlussleuchten wirken prägend. Dazu klebt ein flachgedrückter Leaper in der Mitte. Weil die Testkatze in Schwarz daherkommt, ist ein weiterer Designkniff praktisch unsichtbar: Der hinterste Dachpfosten ist schwarz eingefärbt, was bei hellen Lackierungen einen einigermassen speziellen Look ergibt. Aber die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

Beim Antrieb gibt es bei einem solchen Auto, das sich mit S-Klasse, 7er und A8 misst natürlich nur eine Wahl: ein fetter V12 mit einer gigantischen PS-Zahl. Völlig falsch. Wir testen den gerade mal 2998 Kubikzentimeter grossen V6, der zu allem Übel auch noch Diesel verbrennt. Nun haben die Partikelfilter den Ölbrennern vor einigen Jahren das Rauchen abgewöhnt, aber der Klang ist noch immer derselbe. Passt so etwas in eine Luxuslimousine? Und reicht ein so "kleiner" Motor für ein Zweitonnenfahrzeug, wenn dieses sich Supersport schimpft? Nun, um genau solche Fragen zu klären, fahren wir den XJ ja zur Probe.


Jaguar XJ: Gestern (1973) und heute ein optischer Individualist.

Den unglaublich grossen "Schlüssel" stecke ich in meine Hosentasche. Es scheint fast so, als habe Jaguar das durch die Aluminiumbauweise eingesparte Gewicht in diese Fernbedienung gepackt. Immerhin fasst sie sich sehr gut an. Natürlich öffnet der XJ ohne einen Knopfdruck. Beim Hineingleiten streift mich der Gedanke, dass ich das Fleischessen nun wohl für eine Zeit sein zu lassen hätte. So viele Kuhäute, wie hier verarbeitet wurden, das macht Eindruck. Und dann das Holz. Das sind keine kümmerlichen Zierleisten, nein, hier wurden fast schon ganze Wände mit Wurzelholz beplankt. Doch der Innenraum ist nicht allein dem klassischen Luxus verpflichtet. Die Armaturen erscheinen auf einem vollflächigen TFT-Screen, die Handbremse ist elektrisch und der Wählhebel ist ein auf Kommando auftauchendes Metallrad. Da kann es nicht überraschen, dass man für sämtliche aktuell populären Zusatzgeräte mit Steckplätzen gerüstet ist.


Kritik: Das Heck polarisiert am meisten. Dabei findet sich hier der traditionelle Leaper.

Man muss schon die Scheiben absenken, um das Dieselgeräusch zu vernehmen. Sonst klingt der Selbstzünder eher nach einem grossvolumigen Benziner. Da haben die Sounddesigner ganze Arbeit geleistet. Schnurrend nimmt die Katze fahrt auf. Nicht ganz so geschmeidig wie auf vier Fellpfoten ist der Abrollkomfortt zu bewerten. Möglicherweise zollt man hier den sportlichen 20-Zöllern tribut, die dafür die Radhäuser prächtig auszufüllen wissen. Immerhin wäre ja eine Luftfederung verbaut. Wir buchen das mal unter "sportliche straff" ab. Besser zum Komfortanspruch passt der fast nicht spürbar schaltende Sechsgangautomat und die leichtgängige, aber dennoch gefühlvolle Lenkung. Auf einen "Touch" gibt's noch mehr Feinheiten. Die vorderen Sitze warten mit einer angenehmen Massagefunktion auf. Dass man sie kühlen und heizen kann, ist in dieser Klasse schon fast selbstverständlich. Die Passagiere schauen 10 vor 10, während ich die Navigationshinweise vom zentralen Screen ablese. Die DualView genannte Technik funktioniert erstaunlich gut. Weniger gefallen hat mir die Bedienung über den Touchscreen. Da haben deutsche Premiumhersteller aber auch Lexus geschicktere Varianten der Vereinfachung der Funktionsvielfalt ersonnen und umgesetzt.

Praktischer sind da schon die Lenkradpaddel, um dem Getriebe auf die Sprünge zu helfen. Schliesslich möchte man die 275 Pferde auch mal so richtig galoppieren lassen. Dazu gibt es im XJ die Möglichkeit, die Automatik und das Fahrwerk in den Sportmodus zu versetzen. Tatsächlich wirkt der 512 cm lange Wagen damit agiler. Am Ende der Kurve ist ein sanfter Heckschwenk drin, der durch das nicht ganz abschaltbare ESP sowieso eingefangen würde. "Supersportlich" ist das nun nicht wirklich, für eine flotte Landpartie reicht es aber allemal. Hier verdient sich die superexakte Lenkung nochmals Bestnoten.


Eleganz: Auch die "Kurzversion" repräsentiert auf dezente Weise.

Möge man noch so im Luxus schwelgen, sparsam mit dem Sprit umzugehen ist nie ein Verbrechen. Wie schlägt sich der XJ Diesel in dieser Disziplin? 7,0 Liter auf 100 Kilometer soll er laut Werk brauchen. Im zündung.ch-Test verbrauchte er fast schon sensationelle 7,4 Liter. Und das bei einem Leergewicht von 2015 kg. Dazu muss man sagen, dass die grosse Limousine in sportlichen 6,4 Sekunden auf 100 km/h beschleunigt. Noch eine imposante Zahl gefällig? 168'510 Schweizer Franken kostet der elegante Engländer, der mich super entspannt nach Sion und wieder zurück in die Innerschweiz brachte. Der Basispreis des Jaguar XJ 3.0 D Supersport liegt bei 160'600 CHF. Anders als bei der deutschen Konkurrenz kommen also nicht noch riesige Summen für Extras zum ohnehin hohen Preis hinzu.


Grosse Pfoten: Die 20-Zöller dürften mitverantwortlich für den nicht immer vollends überzeugenden Abrollkomfort sein.

Für einige Fotos stellten wir unseren Test-XJ einem Urahnen von 1973 gegenüber. Beim Betrachten der beiden Nobelkarossen meinten die meisten, dass es ja klar sei, dass man da den Oldtimer wählen würde. Wer beide gefahren hat und keine Aversion gegen den Fortschritt hat, wird schnell umgestimmt. Der Neue kann alles besser, ist viel bequemer, schneller, praktischer und sparsamer. Sein Preis ist hoch, doch der Gegenwert ist es auch. Der Motor mit 600 Newtonmeter und nur 7,4 Liter Verbrauch ist ein Hammer. Dazu kommt ein superluxuriöser Innenraum, dessen einzige Schwäche ein etwas laues Klangerlebnis der B&W-Anlage ist. Gerade wegen seiner eigenständigen Optik wird er hierzulande bestimmt die Wahl der Individualisten bleiben. Das ist nicht schlimm, war dies doch schon das Schicksal des allerersten Jaguar XJ.


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