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Willst, feiner Wagen, du mit mir gehn?

Published on Juli 18th, 2014 | by zuendung

Willst, feiner Wagen, du mit mir gehn?

Erschrocken springt der Mann vom Fussgängerstreifen aufs Trottoir zurück. Mit respektvoller Geste weist er dem XJ den Vortritt zu – ehrfürchtig als hätter er Angst, sein Recht auf Vortritt verärgerte ein hohes Tier und würde ihn am Ende seinen Arbeitsplatz kosten. Andere scheinen ihren Weg extra über den gelben Streifen einzuschlagen, wenn sie die eindrückliche schwarze Limousine nahen sehen, und zwingen wohl ganz klassenkämpferisch den vermeintlichen Wirtschaftskapitän in die Knie – oder wenigstens zu einem Haltemanöver vor dem Fussgänger. Ein sonderbares Gefühl. „Hey, ich bin einer wie Du!“, möchte man ihnen zurufen, um Anerkennung zu ernten.

Aber möchte man es wirklich? Klar, kaum einer wird gern als überheblich wahrgenommen. Zieht man jedoch die Fahrertür ins Schloss, scheint einem die – übrigens vorbildlich verarbeitete und mit feinstem Connolly-Leder bezogene – Kopfstütze ins Ohr zu flüstern: „Du hast es Dir verdient. Nur Du.“ Und die Lust auf Anerkennung macht bald der Lust auf Luxus Platz. Von letzterem gibt es an Bord reichlich, zum Beispiel die beheiz- und kühlbaren Sitze mit Massagefunktion. In unserem Test verwandeln sie jene, die am Können des Traditionsherstellers zweifeln, in beeindruckte Passagiere. Auch technische Spezialitäten sind dabei, wie der zentral angeordnete Bildschirm, der dem Beifahrer Fernsehsendungen zeigt; der Fahrer aber sieht nur die Menüstruktur und kann sich auf die Strasse konzentrieren. Die Rücksitze sind auch mit einer Kühl- und Heizfunktion versehen, wobei die Beinfreiheit hinten bei einer Wagenlänge von 512 Zentimeter etwas entspannender hätte gestaltet werden können. Keine Kompromisse bei der Entspannung, vor allem für Jaguar-Fahrer, die sich fahren lassen, bietet die um 12 Zentimeter gestreckte Langversion. Diese Option hat Tradition, es gibt sie seit dem ersten XJ in jeder Generation.

Wir zählen uns nicht zu den Chauffeur-Verwöhnten und ziehen die Verwöhnen-durch-Selberfahren Variante vor. Nur schon, weil man vom Lenkplatz aus die beste Sicht hat: Uns gefällt das Lenkrad. Andere Hersteller gestalten Lenkräder wie ein drehbares Armaturenbrett. Auch im Jaguar trägt es unzählbare Knöpfe, jedoch ganz elegant ohne sie aufzudrängen. Einen haben wir übrigens erst am letzten Testtag entdeckt, so gut sind die Tasten ins Lenkrad eingelassen. Hinter dem chromumreiften Jaguar steckt ein Airbag (denken wir zumindest), obwohl die Lenkradmitte sportlich schlank wirkt. Wie Schmuckstücke auf dem Stubenbuffet dekorieren die verchromten Luftungsdüsen und die analoge Uhr das Wageninnere. Weniger Begeisterung löst das Armaturendisplay aus. Vorbei sind die Zeiten chromglänzender, ruckelnder Smith-Armaturen, hier gibt eine kühle Bildschirmdarstellung kilometergenau Auskunft über die Reisegeschwindigkeit, Drehzahl und einige Menüfuktionen.

Jaguar punktet mit der Gestaltung des Armaturenbretts im Vergleich zu anderen Oberklassewagen, sackt aber mit der Menüführung Minuspunkte ein: Jaguars iTech-Infotainmentsystem fehlt die Selbstverständlichkeit anderer Steuerungen und birgt für Kontinentalbürgerinnen und –Bürger einige Rätsel. Zum Beispiel, warum man einige Funktionen auf dem zentralen Bildschirm steuert, andere aber übers Menü im Tachodisplay. Fährt nach dem Motorstart die randrierte, fein anzufassende Wählscheibe aus, scheint die Antwort aufs Warum nicht mehr so wichtig. Jetzt wird gefahren. Ein Dreh auf „D“ oder „S“ dient der Vorwärtsfahrt. Vom Sechszylinder hören wir angenehme Lebenszeichen. Eine feine Klangnote dringt in den Innenraum, zurückhaltend und doch ein Hauch sportlich. Erstaunlich ist: Der vom bewährten AJ-V8 abgeleitete V6 ist eine Maschine mit 90° Gabelwinkel. Letztere sind für ihren schüttelnden Lauf bekannt. Trotzdem läuft er äusserst vibrationsarm und klingt wie einer der legendären Jaguar Reihensechser aus den 1950er und 60er Jahren. Eine Ausgleichswelle läuft parallel zur Kurbelwelle und hebt die Vibrationen auf.

Die Jaguar-eigene Konstruktion verleiht dem Oberklassewagen eine gewisse Leichtigkeit: Den Druck aufs Gaspedal bestätigt der neu entwickelte Benziner mit sofortigem Vortrieb und lässt den V8 nicht vermissen. Dank der mechanischen Aufladung ist der Ladedruck rasch aufgebaut und reicht für 450 Nm ab 3500 bis 5000 Umdrehungen. Der Allradantrieb überträgt die 340 PS der aufgeladenen Dreilitermaschine mühelos auf die Strasse. Hilfreich für die Kraftenfaltung ist das Automatikgetriebe von ZF mit acht Stufen. Es schaltet rasch, dürfte es im eleganten XJ aber etwas sanfter tun als in einer Sportlimousine. Null auf Hundert veranschlagt Jaguar mit schnellen 5,9 Sekunden. Fahrspass in Längsrichtung ist zwar unterhaltsam, macht unserer Erfahrung nach jedoch selten den Grossteil des Fahrerlebnisses aus. Eine Freude im XJ ist, wie Lenkung und Fahrwerk zusammenspielen. Der Wagen liegt gut in der Hand, vermittelt dem Fahrer zwar Details über die Fahrbahn, verwöhnt mit seiner Luftfederung aber gleichzeitig mit hohem Komfort. Komfort, der den XJ angenehm von anderen modernen Oberklassewagen abhebt, die dem Trend nach sportlicher Härte folgen. Poltergeräusche von der Radaufhängung kennt der XJ nicht.

Je weiter oben, desto einsamer, soll man einer gesagt haben. In der XJ-Klasse ist man im oberen Bereich des automobil Möglichen. Wer ihn durch Zürich bewegt hat gute Chancen, keinen Zweiten der Gattung anzutreffen. In einer S-Klasse begegnet man seinesgleichen laufend. Wir haben den respekteinflössenden Wagen lieb gewonnen, gerade weil er eine seltene Erscheinung ist. Auch wenn einen Passanten hie und da für einen Abzocker halten und mit bösen Blicken strafen; uns hat die Leichtigkeit, mit der der Wagen den Fahrerabsichten folgt überzeugt. Gross ist er, aber Jaguars V6, in Verbindung mit dem ausgezeichneten Fahrwerk, lassen ihn praktisch und leicht in der Hand liegen. Den Vierradantrieb hätten wir fast vergessen zu erwähnen: Wüsste man nicht um ihn, man würde ihn nicht vermuten. Er macht Traktion selbstverständlich, man würde ihn wohl erst schätzen, wenn man auf einen hinterradgetriebenen XJ umsteigen müsste. „Supercharched“, „All-wheel-drive“ und die trotz Alu-Carrosserie gut 1870 Kilogramm Leergewicht brauchen Saft: 9,4 Liter auf 100 Kilometer misst Jaguar. Wir schaffen es auf längerer Autobahnfahrt auf unter acht, Stadt und Land sowie Kurzstreckenverkehr drücken den Durst auf 12. Weniger schlucken der V6 Diesel oder der – in der Oberklasse einzigartige – Vierzlinder Turbobenziner. Die von uns gefahrene Kurzversion beginnt bei CHF 115‘000. Die Langversion gibt es ab CHF 129‘900. Mit den heiz- und kühlbaren Massagesitzen, dem (hervorragenden) Abstandstempomaten, der Meridian Soundanlage, einer beheizbaren Frontscheibe und vielen weiteren Extras überschreitet unser Testwagen die Marke von CHF 150‘000.


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