marcwegmueller

17. Februar 2026

Lebe die Neunziger – mit grossem V6-, Turbo- und Keilformkino!

Alfa Romeo und Lancia: | 0 Kommentare

In den Neunzigern genossen wir Frieden, Spass und die Tipos. Nein, nicht den Fiat. Wobei auch der zur Sippe gehört: Die Italiener erfanden in den Achzigern die Plattformbauweise mit den Bodengruppen Tipo uno (164, Thema…) und due (155, Delta, Spider/GTV,…). Das war noch bevor der VW-Konzern die Idee auf seine Marken ausrollte. Obwohl das Spider/GTV-Duo […]

In den Neunzigern genossen wir Frieden, Spass und die Tipos. Nein, nicht den Fiat. Wobei auch der zur Sippe gehört: Die Italiener erfanden in den Achzigern die Plattformbauweise mit den Bodengruppen Tipo uno (164, Thema…) und due (155, Delta, Spider/GTV,…). Das war noch bevor der VW-Konzern die Idee auf seine Marken ausrollte. Obwohl das Spider/GTV-Duo (Baureihe 916) auf dem Tipo due Baukasten basiert, erinnert fast nichts ans Fiat-Regal. Vorne Bussos V6, hinten Mehrlenkerachse. Ganz Alfa eben.

Alfa Romeo GTV 2.0 V6 TB: So heisst das Teil, um genau zu sein. Pininfarina trieb 1994 einen Keil zwischen Alfas Vergangenheit und Zukunft. Form und Farbe sind heute rar.

Damals ein Überflieger. Am Steuer schnelle Businessleute. Und heute? Selten – überhaupt gibt es die Fahrzeugkategorie Coupé gar nicht mehr – und trotzdem äusserst erschwinglich. Höchste Zeit also, sich den Traum von einst in die Garage zu stellen. Etwas nächtliche Autoscouttouren, ein bisschen Geduld, und schon tappt ein hellblaues Exemplar in die Falle. Eine sattmachende Portion Scheunenfundmagie, eine Prise Hoffnung und ein grosses Habenwollen später wechselt der Besitzer den Traumwagen gegen ein paar Franken.

Ein Transporter liefert ihn vor meine Haustür. Dieses Gefühl beim ersten Anblick sollte man als Medizin verkaufen. Sehr zufrieden mit mir und meiner Kaufentscheidung setze ich mich rein. Erster Eindruck: Rauchender Vorbesitzer, der Kopf meines einsneunzig Körpers stösst am Dachhimmel an. Aber: Chromränder um die Instrumente und vor meiner Nase Kreuz und Schlange. Und ein roter Zündschlüssel. Der Busso läuft zwar gleich, jedoch unrund. Erst mal in die Werkstatt damit.

Solche Momente sollten im WHO-Suchtkatalog auf der ersten Seite gross in rot markiert sein: Anlieferung, maximales Gefühl.

Das Serviceheft spricht wahrer als der Verkäufer: Die 145000 Kilometer sammelte der GTV fast komplett in seinen ersten zehn Jahren. Danach Stillstand, der Zahnriemen ist schon volljährig. Also raus damit, Ventile prüfen. Auf der vorderen Zylinderbank hat der Riemen um drei Zacken übersprungen. Glück im Unglück, die Ventile sind gerade geblieben. Bei der Übung schluckt der blaue Keil gleich noch eine neue Wasserpumpe, Kühler und Klimakompressor. Dann kommen Originalfelgen drauf und nagelneue Gummis. Die Faustregel, den Kaufpreis vorsichtshalber doppelt zu budgetieren und die Hälfte für Reparaturen bereit zu halten, stimmt also schon in der ersten Woche unseres gemeinsamen Lebenswegs. Auch das gehört ins emotionale Gesamtpaket beim Verwirklichen eines Traums.

Talsohle: Den Kostenvoranschlag auszudrucken wäre eine Klimasünde. 20 Jahre Rumstehen – immerhin im Trockenen – knabbert eben ziemlich an allem. Das ist wie bei den Menschen.

Ist das Händlerschild aber angeschnallt und der rote Schlüssel gedreht, bereinigt die Vergessautomatik sämtlichen Rechnungsschmerz. Die Zweilitermaschine dreht seidig hoch. Süferli warm gefahren, das Pedal nähert sich dem Bodenblech. 200 PS waren einst eine satte Portion, heute fühlen sie sich etwas gemütlicher an. Wobei auch das wahrscheinlich 20-jährige Benzin nicht ganz so brennt wie frisches. Mit neuem Saft im Tank geht die Turbofuhre wieder wie einst. Und hab ich schon mal die chromumrandeten Rundinstrumente beschwärmt? A propos, heute ist mir aufgefallen, dass es ein astreines 90er Autoradio gibt. Ob es noch geht? Mir Wurst, Entertainment liefert Giuseppe Bussos formidabler Sechszylinder direkt aus dem Motorraum. Informationen darüber gibt es in der ersten Reihe aus runden – chromumrandeten – Analogührchen. Das schmeichelt allen Sinnen. Gefühlvoll auf die Armaturenabdeckung pöpperlen, dann geht sogar der Drehzahlmesser.

Motore Sei Vu: Giuseppe Bussos Violina d’Arese in ihrer kleinsten Form. Nur zwei Liter Hubraum, dafür Turboschub. Unsere Ohren sind für solche Dinge evolutioniert worden. Und schaut Euch diesen Motor an. Nehmt Euch Zeit dafür. Details, Farben, Symmetrie – da ist echte Liebe verbaut.

Schmal und leicht liegt der Blaue auf der Strasse. Es geht ums Fahren, diese Botschaft haben die Alfisti 1994 in die 916er DNA eingearbeitet. Das ernten wir jetzt, Kurve um Kurve, Gasstoss um Gasstoss. Setzt man sich danach in ein aktuelles Fahrzeug, wundert es einen über breit und schwer, Bildschirme und andere Fahrhindernisse.

Anna log: Bildschirme gehören nicht ins Auto, sie gehören vors Sofa. Kann man das analoge Rundinstrumente-Fahrerlebnis jemals steigern?

Auch Lust gekriegt? Gute GTV gibt es ab 10000 Franken, Stalder&Moser hält sie fit. Viele sind schon 30 -> hallo Veteranenstatus, hallo nur alle sechs Jahre MFK. Und wer Wind im Haar mag, auch 916er Spider sind grad im unsteigerbaren Batzen-/Spassverhältnis.

 

Lustiges Detail: Ein Tanklätzli schützt den Lack vor Benzintropfen.