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12. April 2026

Ein Klassiker im neuen Gewand

Renault | 0 Kommentare

Der Renault Clio begleitet mich praktisch seit Tag 1 meines Interesses für Autos. Damals ersetzte er 1990 den Renault 5. Wer erinnert sich noch an die Werbung mit Adam und Eva und der gezeichneten Schlange? Made in Paradise sei der Clio, hiess es dort. Und noch heute denke ich bei „get uppa“ an den legendären […]

Der Renault Clio begleitet mich praktisch seit Tag 1 meines Interesses für Autos. Damals ersetzte er 1990 den Renault 5. Wer erinnert sich noch an die Werbung mit Adam und Eva und der gezeichneten Schlange? Made in Paradise sei der Clio, hiess es dort. Und noch heute denke ich bei „get uppa“ an den legendären Werbespot für den Renault Clio MTV zurück. Und natürlich hat sich auch der ebenso legendäre Renault Clio Williams für immer in meine Erinnerung eingebrannt. Dessen Status eklärte sich primär durch die Leistungsdaten (150 PS) und sekundär natürlich durch die ikonische Farbkombi des eleganten Dunkelblau mit den goldenen Felgen. Obendrauf noch die Hutze in der Haube, ausgestellte Kotflügel, coole Schriftzüge und fertig war die Pocket Rocket der 90er-Jahre.

Dazwischen liegen 36 Jahre: Renault Clio der sechsten und der allerersten Generation

Wie sieht es nun 36 Jahre später aus? Zunächst hat sich das Anforderungsprofil an einen Kleinwagen grundlegend geändert. Vom blossen Transportmittel ist er zum multimedialen Assistenten geworden, von dem man im Alltag auch allerhand Komfort und tonnenweise Sicherheit erwartet. Das alles natürlich mit mehr Platz bei gleichzeitig deutlich weniger Emissionen.

Nur logisch, dass das einstige Federgewicht (ca. 900 kg) mehr als ein wenig an Masse zugelegt hat. Der Testwagen kommt als Hybrid auf 1316 kg. In der Länge ist er gegenüber der ersten Generation um genau 40 Zentimeter auf 4,11 Meter gewachsen, in der Breite um 15 Zentimeter auf 1,77 Meter. Bei der Leistung werde ich dann wieder an den Clio Williams erinnert, 158 PS hat der Full Hybrid E-Tech 160. Dabei entfallen 109 PS auf den 1,8 Liter Benziner (ohne Turbo) und 49 PS auf den Elektromotor. Dazu kommen noch weitere 15 kW des Startergenerators. Klingt kompliziert? Ist es.

Knackig: Das Heck weisst keine Ähnlichkeiten mit Vorgängergenerationen auf und zeigt sich mit zahlreichen Sicken und Kanten

Doch der Start gestaltet sich zunächst einfach. Das beginnt schon mit dem schlüssellosen Zugang. Ein Startknopf weckt den Antrieb, damit aber nicht zwingend den Benziner. Den Getriebewählhebel kennt man von den Elektromodellen der Franzosen. Finden tut man ihn an der Lenksäule. Stellt man ihn auf Drive, geht der Motor an, oder auch nicht. Dies ist abhängig vom Ladestand der Batterie (Kapazität 1,4 kWh), Aussentemperatur und vielleicht auch ein wenig der Stimmung des Clio. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: Der Stimmung des Multi-Mode-Getriebes. Jenes Wunderwerk, das die Renault E-Tech Hybride nun schon seit einiger Zeit begleitet, hat neu 15 statt wie zuvor 14 mögliche Gangkombinationen zur Hand. Für mich als Fahrer bleibt die Komplexität in der Anwendung weitestgehend verborgen, denn das System wählt die jeweils sinnvollste Konfiguration komplett selbsttätig.

Schau mir in die Augen: Ganz oben links ist die Kamera des Aufmerksamkeitsassistenten erkennbar

Die Idee dahinter ist natürlich ein angestrebter Effizienzgewinn. So zeigt das Display bei vollem Tank eine Reichweite von 750 Kilometer an. Der prognostizierte Verbrauch läge also bei 5,2 Liter. Das ist kein Fabelwert. Ob er im Test tatsächlich erreicht werden kann, wird sich dann noch zeigen. Zunächst bewege ich mich im EV-Mode gänzlich ohne Fossilverbrauch fort. Geräuschlos, angenehm, halt wie ein Elektroauto. Doch das ist natürlich nur die eine Seite der Medaille. Schliesslich reicht auch ein voller Akku nur für die Kürzeststrecke zum Bäcker oder so. Viel zu schnell werde ich von der harten Hybridrealität eingeholt. Der Verbrenner kommt und er kommt hart.

Gestreckt: Die Silhouette wirkt fast coupéhaft

Der 1,8-Liter unter der Motorhaube ist kein Leisetreter oder Ohrenschmeichler. Er drängt sich mit voller Wucht in mein Bewusstsein. Möglich, dass ich mit dem häufigen Fahren von Elektroautos empfindlicher geworden bin. Der sehr präsente Klang des Verbrenners ist trotzdem auffällig. Zumal er das manchmal auch im Stillstand tut. Dann nämlich, wenn das System die Notwendigkeit des Akkuladens feststellt und der Vierzylinder als reiner Generator wirkt. Abhilfe schafft die Audioanlage, die sich wie bei Renault gewohnt auch über den Lenkradsatelliten bedienen lässt.

Zweigeteilt: Am Heck entscheidet sich Renault für ein Leuchtendesign mit hoher Wiedererkennbarkeit

Mit gutem Sound im Ohr kurve ich über Land. Hier ist die direkte Lenkung des Clio in ihrem Element. Komfort können die Franzosen sowieso. Selbst die mühsamsten 30er-Zonen-Bremsklötze können der neuesten Iteration des Kleinwagenklassikers nichts. Mit stoischer Ruhe nimmt er auch kantige Hindernisse. Dafür gerät er bei höheren Tempi eher einmal ins Schwingen. Wer übrigens ob der Leistungsdaten Clio-Willams-Feeling beim Beschleunigen erwartet, wird komplett enttäuscht. Also schalte ich in den Eco-Modus, der sich wie die anderen Modi über den Multi-Sense-Knopf am Lenkrad wählen lässt. Neu dabei ist der Smart-Modus, wo aufgrund des Fahrstils zwischen Eco, Comfort und Sport gewechselt wird. Das Witzige dabei: Nicht nur der Fahrmodus, sondern auch sämtliche entsprechend eingefärbten Screen-Elemente und Ambienebeleuchtungszonen wechseln dann von Grün über Blau zu Rot. So bringt der Smart-Modus etwas Discofeeling in den Clio.

Vert Absolu: Die leicht changierende Farbe steht dem Kleinwagen richtig gut

Leider auch im Clio ohne jegliche Beleuchtung: Die schwarzen Innentürgriffe. Unverständlich, weshalb man hier nicht wenigstens eine LED zur indirekten Beleuchtung der Griffmulde einsetzt. Ansonsten ist das Interieur aber wie bei allen neuen Renault sehr gelungen. Das Design schafft die Brücke zwischen retro und modern, Stoff feiert ein Revival und auch die digitale Welt kommt nicht zu kurz. Man muss nicht zwingend Apple Carplay oder Android Auto nutzen, weil Google auch als fix verbautes internes System verwendet wird. Das Navigationssystem entspricht hier also einfach Google Maps, wie man es kennt. Simpel und praktisch. Das gilt auch für den Rest der Bedienung.

Hübsch: Die Materialauswahl macht Spass. Doof: Der schwarze Türgriff ist komplett unbeleuchtet

Der Abstandstempomat wird über die Lenkradtasten aktiviert, die allenfalls nervende Tempowarnung über Zweifachdruck der Taste links aussen deaktiviert. Clever gelöst haben die Renault-Ingenieur:innen den Aufmerksamkeitsassistenten. Die „Augen“ sitzen dabei nämlich nicht wie bei den meisten auf der Lenksäule, sondern seitlich oben in der A-Säule. Somit ist eine französisch lässige Ein-Hand-Bedienung des Lenkrads möglich (aber natürlich nicht empfehlenswert), ohne dass man ständig gemahnt wird, man sei nicht aufmerksam. Die Automatikfunktion der Scheinwerfer schliesst auch das Fernlicht ein, wobei keine Matrixtechnik an Bord ist. Ebenfalls durch Abwesenheit glänzt die Lenkradheizung, die ich beim kurzen Winter-Comeback durchaus geschätzt hätte.

Alfa 4C anyone? Die schwarzen Blenden um die Scheinwerfer kennen wir aus Italien

Sehr geschätzt habe ich den bildhübschen grünen Lack, der sinnigerweise „Vert Absolu“ heisst und tatsächlich ohne Aufpreis zu haben ist. C’est chic! Gilt das auch für den sonstigen Auftritt? Tatsächlich ist das Design gewöhnungsbedürftig, wenn man auf die letzten tollen Würfe aus dem Hause Renault (R4, R5, Scenic, Rafale und bald auch Twingo) schaut. Sehr viele Sicken und Kanten, dazu ein untypischer Grill und keine Designelemente, die an den Vorgänger erinnern würden. Die Leuchtelemente erinnern mich hingegen an den Alfa Romeo 4C. Denn wie beim Kleinseriensportler wurde beim neuen Clio um den eigentlichen Scheinwerfer eine charakteristische schwarze Blende verbaut. Das gleiche Prinzip wurde für die äusseren Heckleuchten angewendet, während sich die inneren in der Kofferraumklappe finden. Das Heck schaut mit seinem angedeuteten Coupélook fast ein wenig nach Jaguar I-Pace aus.

Seltener Gast: Mit über 700 km Reichweite kenn man den Tankwart wohl nicht persönlich

Glücklicherweise zeigt sich das nicht auch in der Preisgestaltung. Der Test-Clio (Techno Full Hybrid E-Tech 160) kommt auf 30’800 Franken. Er hat das sehr empfehlenswerte Pack Safety, Driving & Parking für 1800 Franken installiert, das die wichtigsten Assistenten beinhaltet und auch die 360° Kamera in den Fünfplätzer bringt. Ebenfalls als Optionen dabei sind Sitzheizung und 18 Zöller. Der Verbrauch pendelte sich über den Testzeitraum bei 5,3 Liter ein. Angesichts des doch etwas gebremsten Vortriebs, hätte ich einen noch besseren Verbrauchswert erwartet. Wenn man über die manchmal recht beliebig wirkenden Einsätze des Verbrenners hinwegsehen kann, stellt Renault mit dem neuen Clio einen attraktiven Teilnehmer im Kleinwagensegment. Überzeugt haben mich vor allem das sympathisch moderne Interieur und das gekonnt abgestimmte Fahrwerk. Und vielleicht gönnt uns Renault ja dereinst eine Get-Uppa-Edition.