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Lexus NX300h AWD F Sport

Published on April 1st, 2015 | by Marc Wegmüller

Unter und über

Folge diesem Wagen! Diskret wie ein Privatdetektiv und mit exakt dem vorgeschriebenen Mindestabstand hängt sich unser Testwagen an die Stossstange des Vordermanns. Lässt dieser am Streifen Fussgänger passieren, schleicht sich unser Wagen von hinten an und bremst geschmeidig ab bis zum Stillstand. Stiehlt sich der Verfolgte davon, will das Lexus-Gaspedal leicht angetippt sein, dann nimmt unser Wagen die Fährte wieder auf – bis zu der Geschwindigkeit, die wir als Höchstwert eingegeben haben, oder bis etwas den eingeschlagenen Weg kreuzt. Dann greift der Lexus ein und bremst bei Bedarf voll. Wie bei Hybriden von Lexus zu erwarten, geschieht das alles mit der Wucht und dem Krach eines gekochten Reiskorns, das auf den Küchenboden aufprallt.

Lexus NX300h AWD F Sport

Natürlich ist der adaptive Radartempomat nicht neu, im NX von Lexus aber ist er erwachsen geworden. Gut ein Jahrzehnt nach der ersten Anwendung funktioniert das Abstandssystem vorbildlich. Einzig in engen Abzweigern kann es sein, dass der Radar statt des Vordermanns die Leitplanke oder einen anderen Gegenstand am Strassenrand ins Auge fasst und – nach einer roten und lauten Bremswarnung – abrubt verlangsamt. Der hohe Perfektionsgrad gilt für alle Systeme des neuen NX: Nahezu 100% Feinschliff. Wir zählen 95 Knöpfe im Innenraum sowie ein Touchpad. Es ist die römische Fundstätte unter den Autos, für uns Tester eine Herausforderung alles auszuprobieren – für Alltagsfahrer schwierig, alle Systeme (zu finden und) zu nutzen.

Lexus NX300h AWD F Sport

Der grösste Knopf heisst „Start“ und macht das Losfahren verblüffend einfach. Automatikwahlhebel auf „D“, mehr braucht es vorerst nicht. Bei schwacher Batterie und kaltem Wetter springt der Benzinmotor umgehend an, auch wenn mit dem EV-Modus die rein elektrische Fortbewegung angewählt ist. Die lautlose Fahrt aus der Tiefgarage gelingt somit nur selten. Der NX lenkt leichtgängig in und aus Lücken, fühlt sich kompakt an. Erstaunlich, ist er mit 4,6 Metern Gesamtlänge doch deutlich voluminöser als ein … . Umgehend folgt der hybridgetriebene Wagen den Lenkbefehlen und gleitet sanft über den Asphalt. Biegungen nimmt er neutral und drängt erst bei massiv lexusuntypischen Tempi mit der Vorderachse an den Kurvenaussenrand. Spurwechsel gelingen mit der speziell sportlichen „F Sport“ Fahrwerksabstimmung in rascher Gangart (das „F“ steht für „Fuji-Speedway“, den die Sportlicheren unter den Lexusianern gerne als Entwicklungsplatz nutzen).

Lexus NX300h AWD F Sport

Wir treten das rechte Pedal voll durch, der „F Sport“ Effekt bleibt dabei aber stark im Hintergrund. Das einblendbare G-Meter bestätigt den Eindruck: Kräfte in die Vorwärtsrichtung schlagen im Vergleich zu den Seitenführungs- und Bremskräften äusserst bescheiden aus. Beim Lesen des Prospektes läuft einem das Wasser im Mund zusammen: Der NX300h beschleunigt mit 155 Benzin-PS und 68 Elektro-PS an der Vorderachse. Hinten schieben 143 Elektro-PS. Zusammengerechnet in Theorie: 366 PS! Im richtigen Leben dürfen wohl nicht alle Motoren mit voller Kraft ans Werk, denn als Systemleistung gibt Lexus nur 197 PS an. Gepaart mit dem happigen Leergewicht von 1980 kg bleibt nicht viel Schub für sportliche Überholmanöver übrig. Wer die grösseren Hypbridbrüder von Lexus wie den RX450h und den LS600h oder dieselgetriebene Konkurrenten kennt, wird bessere Fahrleistungen erwarten. Zum Dahingleiten reicht die Kraft der drei Herzen jedoch allemal.

Lexus NX300h AWD F Sport

Heiss sieht er aus in dem kühlen Blau, das ihn von den schwarzen und silbergrauen Wagen des Alltags abhebt. In der Silhouette wie ein Läufer, die Haare nach hinten gekämmt, willig beim Startschuss vorne mit dabei zu sein. Den Lack zum Glänzen bringt Lexus mit einer von Hand angewendeten Politurprozedur. Lexus liegt mit dem Storytelling zwar voll im Trend, jedoch spürt man die Hingabe, mit der die Japaner Aufgaben lösen, bis ins Detail. Da ist zum Beispiel in der Mittelkonsole ein kleines Fach. Der mit Leder bezogene Deckel lässt sich abnehmen. Auf den ersten Blick ist der Nutzen unklar. Doch auf der Unterseite ist ein Spiegel eingearbeitet, der womöglich dazu gedacht ist, NX-Fahrerinnen und -Fahrer zu schöneren Menschen zu machen?

Lexus NX300h AWD F Sport

Passanten reagieren übrigens ziemlich angetan von unserem Testwagen: LED Scheinwerfer, die sportliche, eigenwillige Form und das erfrischende Blau wirken gut zusammen. Vereinzelte Maluspunkte holt sich der benzinelektrische Viermalvier zum Beispiel beim Motorgeräusch des 2,5 Liter Vierzylinders. Bei höheren Drehzahlen erinnert das Geräusch an einen Mietwagen der Economyklasse und passt nicht zur luxuriösen Erscheinung eines Lexus. Und trotz hervorragender Verarbeitung knarzt die linke Türverkleidung, wenn man sein Knie dagegenlehnt. Der Verbrauch in unserem Test verfehlt die Werksangabe von 5,3 Liter auf 100 Kilometer. Winterreifen und Heizperiode mögen mitschuldig sein – im ECO Modus haben wir bloss 6,1 Liter geschafft. Weniger achtsame Piloten treiben den Durst auf über sieben Liter; rasche Autobahnfahrten (in Deutschland) fordern deutlich über neun Liter. Da reicht der 56 Liter fassende Benzintank nicht weit. Etwas grösser ist der Tank des 238 PS starken NX200t mit Turbo Benzinmotor und konventionellem Allradantrieb. Viel leichter als der Hybrid ist er mit 1935 kg jedoch nicht. Lexus gewährt drei Jahre Garantie und gratis Service während zehn Jahren (beides bis 100‘000km).

Lexus NX300h AWD F Sport

Wir mögen den kleinen NX, obwohl er etwas untermotorisiert und mit den vielen elektronischen Helferchen etwas überladen wirkt. Als kompakter Allradler ist er ein angenehmer Diener im Alltag, man muss ja nicht alle Knöpfe kennen und alle Funktionen nutzen. Lexus-typisch glänzt er mit durchdachten, perfekt verarbeiteten Lösungen, wie den Seitenscheiben, die beim Hochfahren auf den letzten Zentimetern etwas abbremsen, um das „Klonk“ beim Schliessen zu vermeiden. Das fällt erst auf, wenn man in einem anderen Auto sitzt. Wie in vielen Lebensbereichen, so finden wir, dass sich mit zunehmender Perfektion auch etwas Langeweile einschleicht. So kann es passieren, dass man im NX300h dahingleitet und eigentlich vergisst, dass man in einem Auto sitzt! Dann ist man froh um den Notbremsassistenten, den Spurassistenten mit Lenkradeingriff, das farbige Headup-Display und das Unterhaltungssystem, das Musik vom Handy einwandfrei abspielt. Wir haben alle 95 Knöpfe mindestens einmal probiert, sind uns aber über deren Auswirkungen teils nicht einig. Es gibt einen Knopf in der Mittelkonsole mit einem Bremssymbol drauf und der Aufschrift „Hold“. Wozu es den braucht? Dieses Auto scheint für Digital Natives gebaut – wobei der Preis unseres Testwagens mit über CHF 80‘000 für Leute dieser Generation eher ausser Reichweite liegt.

 

PS: Hier noch ein paar technische Leckerbissen: Wie im typischen Toyota Hybrid arbeitet auch im NX300h ein Benzinmotor nach dem Atkinson Prinzip. Im Vergleich zum üblichen Ottomotor arbeitet dieser mit unterschiedlichen Volumina beim Ansaugen/Verdichten und Arbeiten/Ausstossen (dank variabler Ventilsteuerung). Er erreicht so einen höheren Wirkungsgrad als Ottomotoren, leistet aber weniger. Letzteres wird durch den grossen Hubraum von 2,5 Liter ausgeglichen. Eine neuartige Motorlagerung nahe an der Drehachse des Motors verhindert Vibrationen beim Anlassen, so dass Passagiere den Wechsel zwischen Elektro- und Benzinantrieb nicht mitbekommen. Zwischen Motor und Differenzialgetriebe sitzt ein Planetenradsatz, der ohne Kupplung auskommt. Mit Hilfe des Elektromotors, der das Hohlrad antreibt, wird der Kraftfluss zu den Rädern geschlossen. Im Leerlauf nimmt der Elektromotor die Drehbewegungen des Benziners auf und generiert Strom, mit dem er den Akku lädt.


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