Kia hat nun über Jahre interessante Elektrofahrzeuge auf den Markt gebracht. Der mit hohen Erwartungen eingedeckte EV2 stellt sich demnächst unserem Test. Doch im Schatten des immer grösser werdenden Elektroportfolio hat sich ein SUV auf die Bühne geschlichen, der nicht unerwähnt bleiben darf. Seine Produktion ist im Dezember 2025 gestartet, in Europa wurde er im April präsentiert und jetzt fahren wir ihn mit gerade einmal 700 Kilometer auf dem Tacho: Den Kia Seltos.
Auf 4,43 Meter Länge und 1,83 Meter Breite hat die koreanische Marke einen stattlich wirkenden SUV gestaltet, der auch mit Allrad erhältlich ist. Im Sommer 2026 ist 4×4 auch auf 2000 Meter über Meer kaum vonnöten. Trotzdem steuere ich den sandbeigen (Tan Beige) Neuling in Richtung Engadin. Dort soll er nicht nur als Reisefahrzeug, sondern auch als Ausguck zur Beobachtung der Passione Engiadina dienen. Also fülle ich den 540 Liter grossen Gepäckraum mit Proviant und Kleidern fürs Wochenende. Schnell zeigt sich, dass hier auch Raum für einen längeren Aufenthalt wäre, doch dafür reicht die Zeit leider nicht.

Mit 4,43 Metern Länge bleibt der Kia Seltos angenehm kompakt
Die drei Stunden Fahrt reichen aber locker, um sich ein Bild über die Assistenzlandschaft des Kompakt-SUV zu machen. Auch die Beifahrerin nimmt unabsichtlich an diesem Unterfangen teil. Denn ihre Sitzposition wird nicht akzeptiert, das Auto weist einen zum aufrechten Sitzen an. Wer schon Bilder von entsprechenden Crashtests gesehen hat, kann verstehen, dass die Füsse nicht in Richtung Frontscheibe aufgestellt werden sollten. Dass durch ihre Verrenkungen versehentlich auch noch die Sitzheizung auf Stufe drei (von drei) gestellt wird, trägt zum Einnehmen einer „normalen“ Position ebenfalls bei.

Anstandsdame: Der Seltos weist auf das korrekte Sitzen hin
Doch hier schafft der Seltos schnell Abhilfe, denn vorne gibt’s neben der Heizung auch die kühlende Variante. Gerade bei Verbrennern, die sich nicht vorkühlen lassen eine willkommenes Feature. Der Abstandstempomat wird wie üblich bei Kia auf der Autobahn zum Highway Driving Assistant, der neben der Spurhaltung auch das Anpassen ans erkannte Tempolimit umfasst. Sympathisch, dass ich den Wechsel jeweils noch kurz bestätigen muss. So wird eine fehlerhafte Limiterkennung nicht automatisch zu einer Quasivollbremsung.

Familienbande: Auch von hinten sind aktuelle Kia sofort zu erkennen
Überhaupt lässt sich hier alles intuitiv bedienen. Klimaeinstellungen nimmt man ebenso über physische Bedienelemente vor, wie die Justierung der Lautstärke. Den Wählhebel als zusätzlichen Lenkstock kennt man von den Elektromodellen. Der gewonnene Platz au der Mittelkonsole reicht leider trotzdem nur für eine induktive Ladestation und nicht deren zwei. Laden muss man übrigens auch die Hybridvariante des Seltos nicht, wir fahren aber den konventionell motorisierten Allradler mit 180 PS aus dem 1,6 Liter Turbomotor.

Offroadig: Die schwarze Beplankung sieht nach Abenteuer aus
Am Julierpass taucht plötzlich ein Ferrari F12 tdf hinter uns auch. Die Verfolgung aufzunehmen wäre komplett zwecklos. Das Vorbeilassen im engen Bivio macht da weitaus mehr Sinn. Herrlich, wie dieser V12 klingt, singt, frohlockt. Da kann der Seltos bestenfalls via Audioanlage mithalten. Der Vierzylinder gibt sich dagegen eher unmotiviert. Auch bei Kickdown dauert es eine Weile, bis er seine eigentlich nicht zu knappe Leistung mobilisiert. Das Doppelkupplungsgetriebe ist für gemütliches Vorankommen und nicht für engagierte Passtouren gemacht. Selbst im Sportmodus ändert sich wenig am passiven Charakter.

Genau hinschauen: Die Hauptscheinwerfer wurden im schwarzen Grill versteckt
Freude macht dagegen das Platzangebot, das auch hinten nicht zu knapp ausfällt. Dazu kommen auch hier heizbare Sitze. Während die roten Renner aus Maranello, Modena und Milano an uns vorbeiheizen, nehmen wir es gemütlich. Es bleibt Zeit für einen Blick auf die Preisliste. Dort steht der Testwagen mit 43’350 Franken. Zur Vollausstattung fehlt ihm nur das 1500 Franken teure Panoramadach. Bei Regen ein verzichtbares Goodie.

In the City: Wo man den Kia Seltos wohl am häufigsten antreffen wird
Die X-Line stellt über der GT-Line die höchste Ausstattungslinie dar. Erkennbar ist sie aussen an einigen wenigen andersfarbigen Akzenten. Der Bergabfahrassistent ergänzt die Fähigkeiten des Allradlers im Gelände. Spezifische Geländemodi gibt es aber keine. Das passt durchaus zum Seltos, den ich zu praktisch 100% im konventionellen Strassenbetrieb sehe. Dort fällt sein eher behäbiges Temperament nicht weiter auf. Viel mehr wird er für die praktische Übersichtlichkeit und die gute Aussicht von allen Plätzen gelobt.

Knopfreich: Wichtige Funktionen sind einfach und intuitiv erreichbar
Auch das beim Rangieren verzögerte Ansprechen des Doppelkupplers dürfte den wenigsten Pilot:innen gross auffallen und daher auch kaum stören. Sie freuen sich allenfalls ob der je nach Fahrmodus wechselnden Ambientebeleuchtung, den zahlreichen USB-Steckdosen oder den Kia-typischen Kleiderbügeln an den Rückseiten der Vordersitze. Zudem ist das Design rustikal-gefällig und zeigt an der Front mit den im schwarzen Grill integrierten Hauptscheinwerfern eine neue Variation der Leuchtengestaltung.

Unvermeidbar: Die ausfahrbaren Türgriffe finde sich auch beim Kia Seltos
Beim Beobachten des Passione Engiadina bleibt der Kia Seltos nicht unbeachtet. Während ich Dino 246, Ferrari F40 und Bizzarini 5300 digital festhalte, spricht mich eine Kollege an. Der für den Blick schreibende Autojourni meint, ihm sei der noch seltene Seltos schon am Julier aufgefallen. Im Angebotsdschungel der SUV fällt die koreanische Neuerscheinung dagegen nicht gross auf. Doch genau diese Unauffälligkeit könnte dem Seltos zum Erfolg verhelfen. Er funktioniert im Alltag tadellos, fährt auf Wunsch allradgetrieben, bietet mehr als genug Platz und bewegt sich klassich verbrennerisch fort. Gut möglich, dass ihn diese unspektakulären Tugenden bald zu einem Bestseller im Kia-Portfolio machen.

Neuling: Diese Front werden wir bald häufiger sehen
An die 800 Kilometer Testfahrt haben zu einem Durchschnittsverbrauch von 7,5 Liter geführt. Hier liesse sich über die gleich starke Hybridversion bestimmt noch der eine oder andere Liter einsparen. Da der konventionelle 1,6er nun wirklich nicht gerade das Blut zum Kochen bringt, kann man bedenkenlos zur Kraft der zwei Herzen greifen. Die 3000 Franken Mehrpreis dürften sich über die Jahre locker durch den kleineren Spritverbrauch kompensieren. Wer allerdings Leidenschaft sucht, wird sie auch im Vollhybriden entweder selber mitbringen oder extern als Zuschauer geniessen müssen.
