Bei 27,5 kWh denkt man im Batteriezeitalter eher an einen grosszügig bestückten PlugIn-Hybrid. Doch Renault wagt den mutigen Schritt und bringt einen Kleinwagen mit bekanntem Namen und für das Segment eher unbekannten Antrieb mit ebenjener Batteriekapzität. Bis jetzt scheuen sich nämlich viele Hersteller davor, im A-Segment elektrisch aufs Ganze zu gehen. Doch an Mut hat es den Franzosen noch nie gefehlt. Und so startet man nicht nur mit Verve ins noch junge Zeitalter, sondern zeigt das auch mit leuchtenden Farben. Grün, Rot und natürlich Mango-Orange sind im Angebot. Damit wird die Brücke direkt zum Original-Twingo geschlagen, der ebenfalls als Farbtupfer in Erinnerung blieb.

Vorne rechts: Für Laternenlader ist die Ladeklappe an dieser Stelle ideal
Das Design nimmt dann auch deutliche Anleihen an Patrick LeQuements Ikone. Retro sei das jedoch nicht. Ist eigentlich auch egal, das Resultat schaut toll aus. Die Augen sind auf Pinselstriche der LED-Tagfahrsignatur reduziert, während das Abblendlicht kaum wahrnehmbar als dünner Balken in den Leuchteinheiten integriert wurde. Dazwischen der an sich gerade schwarze Kunststoffbereich, der den Twingo grinsen lässt. Ein Gesicht, das man einfach mögen muss. Am Heck wurde eine sehr ähnliche Leuchtengrafik verwendet, womit auch hier Verwechslungen ausgeschlossen sind. Besonders neckisch: Die kleinen Finnen oberhalb der Heckleuchten haben tatsächlich einen aerodynamischen Sinn.

Jaune Mango peppt auch die graueste Tiefgarage auf
Hinter der Heckklappe verbirgt sich ein Kofferraum, der sich wie beim Original durch das Verschieben der Rücksitze erweitern lässt. Drinnen gibt es vier Plätze, wobei ich gleich einmal hinten Platz nehme. Es sitzt sich anständig, aber die nur ausklappbaren Fenster dürften auf allzu klaustrophobische Naturen eher abschreckend wirken. Also geht’s auf den Fahrersitz. Dass hier kein Sportgestühl auf einen wartet, ist klar, dass der Seitenhalt derart mau ausfällt, kommt für mich im ersten Moment dann doch etwas überraschend.
Für die ausgedehnte Testfahrt bietet sich ein Kurztrip in die Berge an. Klar, Renault nennt den Twingo zusätzlich noch „Urban Range“, doch davon lassen wir uns nicht abhalten. Auch wenn es keinen Frunk gibt, ist für zwei Personen locker genügend Platz für einen (durchaus auch langen) Urlaub, wenn man die Rücksitze nach vorne schiebt.

Erfreut auch auf längeren Fahrten: Das fröhliche Interieur überzeugt trotz einfachen Materialien
Das Cockpit und überhaupt der ganze Innenraum vorne machen einfach gute Laune. Ein Design, das einen grundlos grinsen lässt, sammelt schon mal Pluspunkte. Dass die Bedienung dann auch noch sehr simpel ist, schadet dem Eindruck natürlich nicht. Und ich stelle mir die Frage, was an den runden Temperatur- bzw. Lüftereinstellrädchen eigentlich falsch war, dass die Hersteller sie ausnahmslos verbannt und durch meist höchst mittelmässige Touchlösungen ersetzt haben. Die Antwort ist schnell gefunden: Absolut gar nichts. Gelobt sei die Einfachheit, die in diesem sympathischen Franzosen aber niemals billig wirkt. Die wagenfarbene Blende auf der Beifahrerseite trägt genau jenes fröhliche Gefühl ins Interieur, das schon den allerersten Twingo auszeichnete.

Klassisch: Die Silhouette erinnert trotz Viertürigkeit klar an das Original
Der hatte noch kein Abstandstempomat, keine Rückfahrkamera oder Parksensoren und auch kein Navigationssystem. Dieses hier verbaute schlägt eine Ladepause in Landquart vor. Wir essen lieber im Marché und stoppen deshalb schon im Heidiland. Das langsame Gleistromladetempo von gerade einmal maximal 50 kW spielt keine grosse Rolle, wenn der Akku so klein ist. Also gemütlich vom wie immer gut bestückten Salatbuffet gemampft und dann ab in Richtung Julier. In der Schweiz spielt auch das auf 130 limitierte Tempo (Tacho 135) des Twingo keine Rolle. Und auch, dass man die 100 erst nach 12,1 Sekunden erreicht, dürfte kaum eine Interessentin abschrecken.

Praktisch: Verschiebbare Rücksitze schaffen bei Bedarf Platz im Kofferraum
Auch der Langstreckenkomfort kann mit einem „genügend“ gewertet werden. Klar sind die Sitze weich und könnten mehr Lendensupport bieten. Doch das auf Komfort eingestellte Fahrwerk animiert sowieso nicht zum Kurvenräubern. Via CarPlay findet die eigene Musikbibliothek den Weg in die nicht sonderlich toll klingenden Boxen. Die unorthodox gestalteten Armaturen sind zunächst nicht sonderlich intuitiv abzulesen, jedoch gewöhnt man sich schnell an sie.

Unübersichtlich? Tatsächlich gewöhnt man sich schnell an das unorthodoxe Tacholayout
Am Berg auch eher gewöhnungsbedürftig ist die etwas zu indirekt übersetzte Lenkung. Im Zusammenspiel mit einem Sitzseitenhalt, der primär durch pure Adhäsion zwischen Mensch und Sitzbezug besteht, hält sich das Kurventalent in den erwarteten Grenzen. Trotzdem halte ich am Julierpass mit den ortskundigen Weekendtouristen locker mit. Nur die ganz Zackigen mit ihren übermotivierten Cayennes fliegen nicht ganz risikolos am mangogelben Stimmungsaufheller vorbei. Sollen sie.

Imagine: Wie viel mehr Platz hätten wir auf den Strassen, wenn alle SUV-Fahrer mit einem Twingo unterwegs wären?
Wir kommen wohlbehalten und frohen Mutes in Silvaplana an. Mit keinem anderen Auto bin ich so souverän in die felgenmordend enge Tiefgarage gefahren. 1,72 Meter Breite ist heutzutage definitiv auf der sehr schmalen Seite zu verorten. Mit 3,78 Meter ist er gegenüber Generation 35 Zentimeter gewachsen, aber immer noch sehr kurz. In einer Zeit, in der Audi gerade seinen 5,35 Meter langen SUV Q9 vorstellt, eine echte Wohltat. Ähnliches lässt sich auch über das Gewicht des in Slowenien produzierten Franzosen sagen. Mit 1300 Kilo ist er halb so schwer wie der neue grosse Allradler aus Ingolstadt.

Joie de vivre: Sogar die Ladegrafik hat man bei Renault mit Witz gestaltet
Nicht in Deutschland oder Slowenien wurde der Fünftürer übrigens entwickelt, nein, das Design kommt aus Frankreich. Nur das Design? Ja, denn die rekordschnelle Entwicklungszeit von gerade einmal 20 Monaten trägt einen Namen, der längst zum Schlagwort geworden ist: China Speed. Das Ampere China Development Center hat einen Grossteil der technischen Entwicklung übernommen. Und so stammen beispielsweise die LFP-Batterien von CATL aus China und nicht wie jene von 4 und 5 aus Frankreich. Der Motor wird von Shanghai e-Drive zugeliefert, während die grösseren Brüder auch hier auf made in France setzen.

Schmal: Selten hat man so viel Platz zum Aussteigen
Und die Mischung aus schneller technischer Entwicklung und der geschickten Besinnung auf ikonische Designdetails machen den neuen Renault Twingo zu einem attraktiven Angebot. Er startet bereits bei knapp 19’000 Franken und selbst der Testwagen mit maximal möglicher Ausstattung kommt auf vernünftige 20’900 Franken. Sympathisch übrigens, dass Mangogelb die einzige aufpreisfreie Farbe ist.

Fröhlich: Auch bei Regen macht der Twingo einen auf gute Laune
Die echte Challenge steht dem kleinen Grinseknubbel allerdings noch bevor: Die 227 Kilometer von St. Moritz zurück nach Luzern ohne Ladestopp schaffen. Der Weg hoch zur Julierpasshöhe verbraucht schon 7 Prozent der 27,5 kWh an Stromvorrat. Natürlich geht’s jetzt bis nach Thusis fast nur bergab, doch folgt danach eine lange Autobahnetappe, die eine Ladepause ziemlich wahrscheinlich werden lässt. Unterwegs arbeite ich mit allen Tricks, rollen lassen, Klima aus, noch vorausschauender Fahren. Trotzdem, zum Verkehrshindernis werden wollen weder der neueste Elektro-Renault noch ich. Kurz nach überstandener Hirzelüberfahrt wird klar, dass es tatsächlich bis nach Luzern reicht. Mit 3% Restladung und einem Durchschnittsverbrauch von 11,75 kWh erreichen wir die urbane Zone, wo der Renault Twingo auch in der neuesten Generation zuhause sein wird.
Weitere Twingo-Imrpessionen:

Wohltat: So simpel kann ein Türöffner sein

Aero: Die Finne auf den Rückleuchten hat tatsächlich eine Funktion

Easter Egg: Wer genau hinschaut, findet dieses in der Heckklappe

Rhombuslos: Am Heck muss man für den Renault-Schriftzug ganz genau hinschauen

Plus: Manuell verstellbare Lüftungsdüsen gibt es heute nicht mehr überall

Dezent: Auch an der Front wurde der Modellname eingearbeitet

Elegant gelöst: Der Hauptscheinwerfer liegt als flaches Rechteck inmitten der ikonischen LED-Signatur
