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22. Juli 2026

Der Stadtschleicher

Fiat | 0 Kommentare

Ja, so ein Stadtflitzer ist schon etwas Cooles. Parken kann man praktisch überall. Mit Verve geht’s von Ampel zu Ampel. Gerne auch mal mit einem Spurwechsel mehr, weil man so im Flow bleiben kann. Trotzdem sind abschätzige Blicke oder böse Handzeichen selten, denn so einen knuffigen Kleinwagen muss man ja einfach mögen. Oder? Richtig. Doch […]

Ja, so ein Stadtflitzer ist schon etwas Cooles. Parken kann man praktisch überall. Mit Verve geht’s von Ampel zu Ampel. Gerne auch mal mit einem Spurwechsel mehr, weil man so im Flow bleiben kann. Trotzdem sind abschätzige Blicke oder böse Handzeichen selten, denn so einen knuffigen Kleinwagen muss man ja einfach mögen. Oder? Richtig. Doch zum Flitzer reicht es dem neuen Fiat 500 Hybrid nicht. Dazu ist das Verhältnis von Gewicht zur Motorleistung schlicht zu ungünstig.

Den turbolosen 1,0-Liter Dreizylinder nennt Fiat „Firefly“, also Glühwürmchen. Mit 65 PS und 92 Nm muss die Betonung wohl auf dem zweiten Teil des Wortes liegen. Allenfalls ist für das Glühen die Aussenfarbe zuständig. Beim Testwagen in Yellow Gold lasse ich das gerne gelten. Ja, auch Schwarz und Weiss sind verfügbar, daneben aber gleich 5 tatsächlich farbige Töne. Grazie Fiat! Denn graue Mäuse gibt es nun wirklich genug.

Alter Bekannter: Schon seit 6 Jahren auf den Markt, erkennt man auch den neuesten 500 sofort

Mein Dank weicht einem unausgesprochenen Fluch, als ich den 500 das erste Mal öffnen will. Obwohl die Türgriffe quasi nur als Schalter auf der Innenseite der Griffschale ausgelegt sind, hat man auf Keyless go verzichtet. Ich grabe also den Schlüssel aus meiner Hosentasche und blicke auf das Tastenfeld. Dort wurde auch noch eine haptische Unterscheidung weggelassen, womit man einfach wissen muss, dass oben links geschlossen und oben rechts geöffnet wird. Auch verwirrend: Es gibt kein Geräusch beim Auf- oder Abschliessen, da offenbar nur die Schalter „scharf“ gestellt werden. Wie viele 500 wohl gerade unverschlossen stehen, weil sich die Fahrer:in im Fernbedienungsfeld geirrt hat?

Die Sonderedition Torino erkennt man auch an der abstrahierten Skyline der norditalienischen Stadt

Doch nun ab hinters endlich auch längs verstellbare Lenkrad. Entgegen dem Vorgänger findet man hier tatsächlich eine Sitzposition, die diesen Namen auch verdient. Ich blicke auf eine Cockpitlandschaft, die Retroanleihen hat, der es aber auf den ersten Blick an nichts Modernem zu mangeln scheint. Eher retro ist die Position der rechten Hand, die sich hier auf dem kugelrunden Schaltknauf wiederfindet. Ja, der Hybrid fährt klassisch handgeschaltet mit 6 Gängen. Die Handbremse dagegen ist elektrisch und will jedes Mal vor dem Start per Fingertipp deaktiviert werden.

Fingertipp auch hier: Was war eigentlich an den guten alten Türgriffen falsch?

Los geht die Fahrt in die nahe Stadt Luzern. Klar, mit dem Citymobil brauche ich mir wirklich keine Sorgen um einen Parkplatz zu machen. Doch wider Erwarten wird ein richtig langer Längsparkplatz frei, den ich mit leicht schlechtem Gewissen ansteuere. Nun fällt die fehlende Rückfahrkamera auf, was dank Sensoren und 3,63 Meter Aussenkürze nun wirklich kein Problem ist. Zum Aussteigen betätige ich den kleinen Knopf an der Türe, der mich wie meistens bei dieser Lösung rätseln lässt, was an klassischen Türgriffen so verkehrt war. Im 500 gibt es übrigens weiter unten in der Türverkleidung eine Notentriegelung für den Worst Case.

Alles andere als ein Worst Case ist das Design. Die erheiterten Blicke zeigen mir, dass die Formsprache des neuesten 500 auch nach fast sechs Jahren Bauzeit des optisch identischen Elektro-Bruders nichts an Sympathie verloren hat. Die dem Fiat Nuova 500 von 1957 nachempfundene Form funktioniert noch heute. Wer genau hinschaut, findet dessen Silhouette in der Türzuziehmulde innen. Dem vom Kindchenschema geprägte Gesicht mit den Kulleraugen kann man einfach nichts übelnehmen. Cool sind Details wie die Wimpern des Tagfahrlichts in der Haube und die seitlichen Blinker, die wie kleine Flügel aus der Trennlinie zwischen Motorhaube und Kotflügel hervorlugen.

Aero? Cool sehen die Flügelblinkerchen auf jeden Fall aus

Beim Torino findet sich am hinteren Ende der Fensterlinie ein Hinweis auf die Stadt, in der jeder neue Cinquecento vom Band des berühmten Mirafioriwerks läuft. Ein Hinweis auf die Art der Leistungserbringung kommt gut hörbar aus dem Motorraum. Richtig laut wird der kleine Racker nie, ungewohnt ist das Geräusch dennoch. Die in der Stadt relevante Beschleunigung von 0 auf 50 km/h nimmt laut 4,3 Sekunden in Anspruch. Wer tatsächlich in der schnellsten Zeit auf 100 kommen möchte, bräuchte dazu mindestens 16 Sekunden.

Schnell sind andere: Der Fiat 500 Torino ist für solche Genussmomente gemacht

Richtig schnell geht dafür die Kindersitzmontage. Denn Fiat hat nicht nur hinten, sondern auch auf dem Beifahrersitz Isofix-Punkte integriert. Ob man das Kind in Reichweite des Touchscreens positionieren möchte, steht dann wieder auf einem anderen Blatt. Dort findet sich dank Apple CarPlay und Android Auto die vertraute Bedienoberfläche des eigenen Mobilgeräts. Die Tasten auf der Rückseite des Lenkrads ermöglichen Skip-Funktion und Lautstärkeverstellung. Zusätzlich gibt es noch eine kleine Walze auf dem Mitteltunnel, ebenfalls um die Lautstärke zu verstellen.

Schaltzentrale: Das Cockpit ist weitgehend frei von Rätseln

Eher einer Veränderung der Lautstärke löst mein Gasgeben an der Steigung auf dem Nachhauseweg aus. Also in den 5., in den 4., schon geht’s wieder. Mangels Turbo ist also öfters mal Schalten angesagt. Ja, lieber Kinder, so sind wir früher mit unseren kleinen Autos gefahren. Meist eher nach Gehör denn nach Tacho. Im 500 dagegen gibt es sogar einen Tourenzähler. Er erscheint nur bei der einen von zwei Tachosdesigns, aber immerhin. Generell hätte man sich bei der Gestaltung der Armaturen noch etwas mehr Mühe geben dürfen. Hier fehlt jenes Mass an Italianità, dass man sonst an jeder Ecke, sorry Kurve des Kleinwagens trifft. Auf der Spitze getrieben haben die Italiener es mit der roten Wackelhand, die mit der typischsten aller Italo-Gesten den Gegenverkehr grüsst.

Hybrid: Ohne Logo wäre die neue Antriebsvariante kaum erkennbar

Wer tatsächlich mal weiter unterwegs ist, freut sich über Tempomat und Spurassistent. Einmal mehr nicht wirklich brauchbar ist die Tempolimiterkennung, was häufige Fehlwarnungen zur Folge hat. Immerhin wurde der Warnton so dezent gewählt, dass er nicht zu einem grossen Störfaktor wird. Ausschalten benötigt zwei Klicks im Menü.

Easter Egg: In der Griffmulde der Türe versteckt sich Grossväterchen

Mehr als zwei Klicks mit der Kamera sollten es werden. Darum versuchte ich den 500er rasant in Richtung Sonnenuntergang zu steuern. Für die richtig guten Shots war ich leider ein paar Minuten zu spät. Dafür hat mich das Kurventalent auf der Landstrasse positiv überrascht. Einmal in Schwung, schien die goldgelbe Knutschkugel so richtig Gefallen an der Strecke zu finden. Fröhlich tuckernd schwangen wir uns den Hügel hinauf. Damit hätte ich nicht gerechnet. Im Stadtverkehr noch etwas knorpelig, passte auf einmal auch die Handschaltung mit ihren langen Wegen erstaunlich gut ins Bild.

Süss: Dem 500 schaut man einfach gern in die Augen

Vielleicht ist sie am Ende neben dem Preisvorteil gegenüber der Elektroversion eines der wenigen Argumente für den Hybrid. Wer lieber noch im Zahnradwerk rührt, greift zum Verbenner. Wer lieber Ruhe mag und flotte Beschleunigung und Elastizität einer grösseren Reichweite vorzieht, landet automatisch beim elektrischen 500. Den Fiat 500 Torino Hybrid gibt es mit seiner guten Ausstattung für 21’990 Franken. Dafür erhält man den kleinen Stadtschleicher. Wer tatsächlich eher einen Stadtflitzer sucht, müsste eher zum mindestens 28’990 Franken teuren Fiat 500E Icon greifen, der über 118 PS verfügt.