Le Mans? Nürburgring? Monaco? Oder gar Indianapolis? Weit gefehlt. Die Hauptstadt aller Automobilverrückten ist eindeutig ein winziges Örtchen in Südengland. Die Zufahrtstrassen sind so schmal, dass jeden Morgen lange Staus einzuplanen sind. Doch die beschwerliche Anreise auf einen der riesigen und sehr staubigen Parkplätze lohnt sich. Das Goodwood Festival of Speed überzeugt auch in der 2026er Ausgabe mit einer nicht zu übertreffenden Mixtur aus Fahrzeugen, Persönlichkeiten, gutem Wetter und einer gehörigen Portion englischem Stil.

So nahe kommt man einem Lancia 037 Stradale nur in Goodwood
Wer sich Zeit für all die stehenden Fahrzeuge, Stände und Attraktionen nehmen will, plant dafür am besten den Donnerstag ein. Der erste Tag bietet mit dem kleinsten Zuschauerandrang zwar die beste Sicht auf die Hillclimbstrecke, doch passiert dort noch nicht allzu viel. Wir kämpfen uns also durch die Stände. Und es gibt wahrlich viel zu sehen. Doch ein Pavillon überragt sie alle. Nicht unbedingt grössenmässig, dafür aber inhaltlich. Was BYD mit seinen Submarken Denza und Yangwang aufgefahren hat, dürfte manche Besucher:in schockiert haben.

Das schnellste Auto der Welt? Ein Yangwang U9 Xtreme
Noch nie waren die chinesischen Marken so präsent, vor allem aber noch nie so überzeugend. In Goodwood steht vor allem der Sportwagen Denza Z im Vordergrund, daneben faszinieren aber auch Defender/LandCruiser-Konkurrenz namens Denza Bao 5 und Highspeedrekordhalter Yangwang U9. Den Z gibt es als Coupé und Cabrio. Beide gibt es mit bis zu 1600 PS, die für eine Beschleunigung von 2,3 Sekunden gut sein sollen. Glaubhaft. Eher unglaublich ist die gefühlte Qualität, von der wir uns mit einem kurzen Probesitzen überzeugen können. Da haben wir von der 1000-Volt-Architektur oder der kompetenten Vierradlenkung noch gar nicht angefangen. Dass sich der Neuling optisch vor einem Maserati, Porsche oder Ferrari nicht zu verstecken braucht, sieht man schon auf den Bildern. Die Zeitenwende bricht nicht an, sie ist vielleicht schon vorüber.

Verblasst auch neben europäischer Konkurrenz nicht: Denza Z
Um die schnellsten Zeiten geht es dann beim Shootout, der als Highlight jeweils am Sonntag ausgefochten wird. Die Trainingsläufe können aber ebenso sehenswert sein, da der Kurs nicht allen Teilnehmenden geläufig ist. Seit Nick Heidfelds Fabelzeit sind Formel-1-Rennwagen nicht mehr gezeitet unterwegs. Doch das verbleibende Feld ist immer noch hochinteressant. Als Favorit gelten mit dem Ford Mustang Super Mach-E und der neuesten Generation der Formel E gleich zwei Elektroautos. Dahinter tummeln sich mit einem Shadow-Rennwagen, dem BMW M3 Kombi mit GT3-Technologie oder auch dem Brataroo von Travis Pastrana überaus vielfältige Renner, die allesamt für Spektakel und schnelle Zeiten am „Berg“ gut sind.

Auch in Goodwood schnell: BMW M3 Touring GT (nach GT3 Spezifikation)
Spektakel hat auch mit jenen Geräuschen zu tun, die hier noch ungefiltert auf vorfreudige Trommelfelle treffen. Von hochfrequenten Zweirad-Zweitaktern, über vollmundige grossvolumige Vorkriegsmaschinen, vorbei an brutal lauten US-V8-Aggregaten bis zu den wunderbaren V12-Preziosen, die einst die Formel 1 dominierten. Dazu gesellen sich die Turbo-Pfiffe der Rallyautos und die überhand nehmenden Elektromotoren, die gerade bei Rennwagen durchaus einen gewissen Wiedererkennungswert bieten. Doch Goodwood wäre nicht Goodwood, gäbe es nicht richtig rare Klänge zu hören. So rar, dass man den einen Motor während 18 Monaten suchen musste. McLaren plante einst, einen Lamborghini V12 in der Formel 1 einzusetzen. Doch dieses Motor/Chassis-Kombi fand den Weg auf die Strecke leider nie. Bis heute. Der schneeweisse Renner zieht Blicke und vor allem Ohrmuscheln magisch an.
Magier hinter dem Steuer oder am Lenker werden wiederum von der Strahlkraft des Events in Südengland angezogen. Kimi Antonelli, Lando Norris, Pierre Gasly, Damon Hill, Valentino Rossi, John McGuiness, Kevin Schwantz, Troy Bayliss, Liam Lawson, Travis Pastrana, Kenny Roberts sind nur einige der Namen, die am Goodwood Festival of Speed 2026 nicht nur auftreten, sondern auch mitfahren. Dabei fährt Damon Hill neben seinem „eigenen“ Formel-1-Renner auch mit dem Williams Honda-Turbo von Nigel Mansell. Es sind solche einzigartigen Momente, die auch künftig grosse Persönlichkeiten des Motorsports ihren Weg an diese spezielle Veranstaltung locken werden.

Nigel Mansells Williams Honda wurde von am Festival of Speed von Damon Hill gefahren
Das übliche Aufgebot an Super- und Hypercars versetzt insbesondere FOS-Noviz:innen in Ekstase. Wer noch nie einen Gordon Murray, Apollo, Zenvo, Singer oder Hennessy live gesehen hat, wird nicht entäuscht, zumal die Fahrzeuge hier allesamt auch bewegt werden. Auch die bekannten Sportwagenbauer wie Pagani, McLaren, Lamborghini, Ferrari, Aston Martin und Porsche präsentieren hier ihre Schätze. Einen Aston Martin Valkyrie oder Gordon Murray T50s Niki Lauda live zu sehen (und vor allem zu hören), ist schon ein sehr spezielles Erlebnis für jeden Petrolhead. Die millionenteuren Wagen sind im Supercar Paddock aus der Nähe zu sehen.

Der stärkste V12 für die Strasse kommt aus Dänemark: Zenvo Aurora Tur
Mir hat es derweil ein anderes Fahrzeug angetan. Alpine präsentiert in Goodwood die A110 Future, die einen Ausblick auf die Zukunft der französischen Ikone geben soll. Als ich mir den Prototypen ansehe, frage ich den daneben stehenden Alpine-Mitarbeiter, wie nahe das Fahrzeug an der Serie sei. Nach einigen weiteren Fragen stellt sich heraus, Laurent ist nicht irgendein Mitarbeiter, er verantwortet als Chef-Testfahrer und Entwickler entscheidend, wie eine Alpine fährt. Was als simpler Small Talk begann wird nach und nach zum spannenden Interview. Laurent Hurgon erzählt mir, dass der Heckantrieb mit zwei Elektro-Motoren ein Torque Vectoring ermögliche. Eine Verbrennervariante sei aufgrund der Plattform zwar möglich, aber momentan nicht angedacht. Ende 2027 dürfen wir mit der Weltpremiere rechnen. Und wer die A110 kennt, darf sich auf eine Fortsetzung der Geschichte freuen. Denn wie Laurent stolz berichtet, wird alles daran setzen, dass das bekannte Alpine-Fahrgefühl erhalten bleibt.

Laurent Hurgon, Cheftestfahrer Alpine & Amadé Fries, zündung.ch vor dem elektrischen Alpine A110 Versuchsträger
Natürlich darf ein Gang über den Performance Car Park nicht fehlen. Möglicherweise aufgrund des sehr trockenen Wetters und dem deshalb zu erwartenden Staub haben sich nicht ganz so viele spektakuläre Autos auf dem Platz versammelt. Doch auch dieses Jahr sind mit Lamborghini Sian, McLaren Senna, Ultima GTR aber auch Xiaomi XU7 GT einige Besonderheiten zu finden. Enttäuscht stellen wir fest, dass der vermutete Lamborghini Countach im Anniversario-Kleid nur eine Replica mit V8-Motor ist.

Kostet aktuell über 3 Millionen: Lamborghini Sian auf dem Performance Car Park des Festival of Speed
Von hier bringt uns der Tractor Shuttle hinauf zur Rally Stage, wo der aufgewirbelte Staub noch ein bisschen mehr Nehmerqualitäten vom Publikum verlangt. Gruppe-B-Legenden neben modernen WRC-Krachern entschädigen aber für Einiges. Einen Audi Quattro S1 oder Lancia 037 Rally in deren natürlichen Habitat zu erleben, sorgt bei den Rallyfans für Gänsehaut. Dass selbige danach definitiv eine Dusche braucht, ist eine andere Geschichte.

Neben Evo und Celica waren natürlich auch Audi Quattro, Ford RS200 oder Lancia Delta Integrale am Start
Geschichte schreiben will Alois Ruf wohl mit dem CTR3 B8. Wie sonst ist es zu erklären, dass man in Zeiten der Elektrifizierung einen komplett neuen Motor baut? Nicht einfach irgend einen Motor, nein, einen Boxer mit 8 Zylindern. 1000 PS hat er und 1000 Newtonmeter auch, klar, wenn’s sonst nichts sein soll. Logisch, dass man so ein Auto der Öffentlichkeit nur an einem Ort auf dieser Welt präsentieren kann: Am Goodwood Festival of Speed.
weitere Impressionen aus Goodwood:

Perfektionierte Legende: Kimera 037

Supersportwagen mit neuer Markenformensprache: Audi Nuvolari

Noch immer wunderbar: Pagani Zonda

Klingt unglaublich: Lamborghini Essenza SCV12

Kommt tatsächlich auf die Strasse: Renault R5 Turbo 3E

Sieht alt (und unglaublich schön) aus, ist aber neu und hat eine Carbonkarosserie: Bizzarrini 5300 Aperta Lusso

Welchen Ford GT40, der 1966 beim Dreifachsieg dabei war, war in Goodwood zu sehen? Richtig: Natürlich alle drei!

Looks old, is new: Singer DLS

Welche Farben hätten’s denn gern? Lamborghini Miura

Drei Wochen vorher Le Mans gewonnen, jetzt natürlich in Goodwood: Toyota TR010 HYBRID Hypercar

Was für eine Schönheit: Ferrari P3/4
