Ich frage mich, ob sie bei Zeekr die Modellnamen würfeln. X, 7X, 001 sind auf Anhieb nicht in eine Reihenfolge zu bringen, die Sinn ergeben würde. Doch schon Goethes Faust wusste, dass Namen Schall und Rauch sind. Also will ich mich nicht länger mit dem Thema rumschlagen und setze mich in den automobilen Doppelnullagenten aus China. Er ist kein SUV, was heute schon alleine eine lobende Erwähnung verdient. Der Fünftürer sieht eher nach einem leicht höhergelegten Fliessheck aus. Zeekr selbst spricht gar von einen Shooting Brake.

Shooting Brake? Kann man so sehen.
Der Testwagen ist ein Privilege, was bei Zeekr für die volle Dröhnung steht. Nicht nur Leistung (544 PS) und Antrieb (Allrad) sind dann auf höchstem Niveau, sondern auch der Umfang der Ausstattung. „Hi Zeekr, bitte schalte die Massage ein“ weise ich den On-Board-Assistant kaum bin ich eingestiegen an. Und die Massage kann ich gebrauchen. Denn weil wir es können, treffen wir uns zum Mittagessen in Porlezza am Lago di Lugano. Abgesehen von etwas Wasser und der Badehose reise ich gepäcklos, denn nach dem Lunch geht’s direkt zurück in die Zentralschweiz. Kann man machen.

Dynamisch: Schon im Stand schaut der 001 nach Tempo aus
Die Strecke ist ideal, dem 001 so richtig auf den Zahn zu fühlen. Wie komfortabel fährt er, wie sportlich lässt er sich bewegen, wie weit kommt er, wie nervig sind die Assistenten? Fragen, die sich nach dem Kürzestausflug ins südliche Nachbarland allesamt problemos beantworten lassen sollten. Die Route lässt sich problemlos auch via Spracheingabe festlegen. Was der Computer nicht weiss: Ich plane (natürlich) den Weg über den Pass, um die hoffentlich noch relativ leeren Gotthardstrassen in zwar legalem aber doch sportiven Tempo zu bewältigen. Let’s go!

Hübsch: Hier sitzt und fährt man gerne
Auf dem Weg zum Gotthard habe ich Zeit, mich in der Kabine umzuschauen. Man merkt, dass der 001 das älteste Modell der hier angebotenen Palette ist. Sein Innendesign ist modern, aber nicht ganz so reduziert wie im X oder 7X. Mit Vorteilen für den 001: Hier gibt es noch einen echten Innentürgriff, den man einfach zieht, um die Pforte zu öffnen. Warum unbedingt neu erfinden, was bereits wunderbar gut und intuitiv funktioniert? Weil das Getriebe mit einem Wählschalter auf der Mittelkonsole bedient wird, steuert der rechte Lenkstockhebel traditionell den Scheibenwischer. Gerade für ältere Fahrer:innen möglicherweise angenehmer. Ich hätte den Platz auf der Mittelkonsole für ein zweites Handy-Ladepad genutzt. Zudem ist der Raum darunter während der Fahrt schwer erreichbar, was jene Ablage etwas sinnbefreit erscheinen lässt. Hübsch sind die roségoldenen Applikationen, die den sonst recht dunkel gehaltenen Innenraum den nötigen Pep verleihen.
Die glänzend schwarzen Flächen in den Lenkradspeichen sehen zwar gut aus, sind usabilitymässig aber eine einzige Katastrophe. Die Idee ist, dass man mit dem Finger darauf toucht und jeweils im HeadUp-Display sieht, welche Bewegung welche Funktion auslöst. Bei mir führt das dazu, dass ich mich irgendwann damit abfinde, die Playlist einfach durchlaufen zu lassen, weil das Song-Skippen praktisch nie auf den ersten Anlauf klappt.

Laden: Ganz oben auf dem Pass gibt’s etwas Saft
Was dagegen wunderbar klappt: Vor dem Eingang in die Röhre rechts weg und ab auf die Passstrasse. Nur wenige tun sich den Umweg an, denn die Schlange vor dem Nordportal ist erfreulich kurz. Ich erfreue mich derweil an den Kurven hoch nach Andermatt. Dort biegen auch noch die letzten Mitstreiter ab. Der 001 ist auch im Sportmodus kein brettharter Kurvenrowdie. Doch das Luftfahrwerk lässt ihn etwas näher an die Strasse kuscheln. Die Lenkung verbleibt etwas indifferent, bremst den Fahrspass merklich. Erwartungsgemäss mimt er hier eher den GT. Auf der Passhöhe gönne ich dem Chinesen mit Styling aus Göteborg ein paar frische Ionen. Auch ohne jegliche Vorkonditionierung wird sofort mit über 90 kW aufgenommen. Nach wenigen Minuten ergibt meine Kopfrechnung, dass der Stromvorrat nun auch für den Rückweg locker reichen müsste.

Beweisfoto: Der Zeekr 001 am Lago di Lugano
Ein paar Fotos auf der legendären Tremola müssen dann aber schon sein. Zeekr zeigt perfekt, dass diese Form auch mit Heckscheibe funktioniert. Für meinen Geschmack sogar besser als beim 4. Das etwas verspielte Design gipfelt in diversen LED-Showelementen beim Öffnen, Schliessen oder Laden. Bei Letzerem pulsieren die Scheinwerfer einem Herzschlag nicht unähnlich. Die Front mit der heute typischen Zweiteilung der Leuchtelemente ist einprägsam. Der graue 001 versucht gar nicht erst, sein Gewicht mit schlanker Formgebung zu verheimlichen. Die 2,4 Tonnen sind für 100 kWh Batterkapazität aber durchaus angemessen. Trotz aller Wuchtigkeit bleibt Platz für feine Details: Das Logo an der Front ist nicht beleuchtet, dafür aber seitlich orange gehalten, was ihm einen coolen Look verleiht. Gleiches gilt für den 001-Schriftzug am Heck. Das überraschendste Easter Egg findet sich aber in Form einer Paris-Skyline in der Frontscheibenecke.

Paris? Warum? Warum nicht.
Ich mache mich nun auf den Weg in die eine Ecke des Luganersees. Doch zunächst muss der lange Weg des Ticino bis hinunter in die Magadino-Ebene unter die Räder genommen werden. Hier kann der gut funktionierende adaptive Tempomat glänzen. Die Spurhalteassistenz dagegen kann mein Vertrauen nie gänzlich gewinnen, regelt reichlich spät und dann harsch. Die Motorisierung fühlt sich dafür jederzeit souverän an, kein Wunder bei 544 PS. Doch die Unmittelbarkeit, mit welcher sie hier zur Verfügung steht, ohne den Wagen dadurch nervös wirken zu lassen, überzeugt mich sehr. Die Fahrwerksabstimmung ist fein gemacht. Komfort steht im Vordergrund, dies aber mit einer stets präsenten Verbindlichkeit, wie man sie von europäischen Produkten kennen mag. Auch daran merkt man: Zeekr kommt, um zu bleiben.
Schauen wir zum Spass mal auf den Preis eines Porsche Macan? Der beginnt bei 92’000 Franken. Den gleich starken Polestar 4 gibt es aktuell für 66’000 statt 72’000 Franken. Er ist dann aber bei Weitem noch nicht so gut ausgestattet wie der Zeekr 001 Privilege. Der vor mir stehende, in Tech Grey mit schwarzem Dach gehaltene Asiate kommt auf 73’090 Franken. Angesichts des Gebotenen ein mehr denn faires Angebot. Faire Angebote für Menschen mit Vorlieben für gutes Essen gibt es auch an meiner Destination: Das Ristorante Il Ritrovo kurz vor Porlezza hat zum Beispiel die grossartigen roten Crevetten aus Mazara auf der Karte. Natürlich als wohlschmeckendes Tatar.

Zeekr: Die Marke ist gekommen um zu bleiben
Bevor ich mit Seesicht und italienischer Küche noch mehr abschweife, wende ich mich der Rückfahrt in die Zentralschweiz zu. Auf selbiger meint der 001 immer mal wieder, es reiche nicht ohne Zwischenhalt. Das mag am Stau oder den heissen Temperaturen liegen. Doch am Ende komme ich mit 34% SOC an, womit dann auch das zwischenzeitliche Laden nicht notwendig gewesen wäre. Einmal mehr zeigt mir ein Elektroauto, wie alltagstauglich die Technik geworden ist. Der Verbrauch ohne Ladeverluste kam bei 21,2 kWh zu liegen.

Cool: Für den Fond kann die Ambientebeleuchtung separat geregelt werden
Fast liegen könnte man übrigens hinten rechts. Dort gibt es nicht nur viel Platz und elektrisch verstellbare Lehnen. Man hat (typisch für chinesische Fabrikate) auch die Möglichkeit, den Beifahrersitz fernzusteuern und so für noch mehr Platz zu sorgen. Bei Kindern dürfte dagegen das kleine Display für die Rückbänkler:innen hoch im Kurs sein. Hier stellt man nicht nur Temperatur oder Sitzneigung und -heizung ein. Nein, selbst die Farbe der Ambientebeleuchtung kann auf dem Regenbogen selbst gewählt werden.

Eindrücklich: Der 001 fährt europäisch
Auch dieser Zeekr liefert eine überaus reife Leistung ab. Die manchmal etwas verworrene Bedienung via Touchscreen findet sich auch bei weit bekannteren Marken. Neben Design und Materialauswahl hat mich vor allem der Fahrkomfort überzeugt, zumal er nicht zu sehr zu Lasten der Dynamik geht. Wer es noch sportlicher möchte, greift noch besser zum gerade erschienen 7X GT. Im 001 schaffen es zahlreiche nette Ideen, im Alltag Freude zu bereiten. So steige ich auch nach mehr als 5 Stunden entspannt aus dem Zeekr 001 Privilege aus. Und müsste er nicht zurück zum Importeur, würde ich vielleicht schon die nächste Destination würfeln.
Hier noch ein paar Impressionen:

