Etwas schockiert blicke ich auf das DIN A4-Blatt mit den Daten des Zeekr 7X. Dieses Auto kostet 67’790 Franken. Dafür gibt es 4787 mm, 100 kWh, 646 PS, 800 Volt und 543 km. Das wären nur die nackten Zahlen. Da habe ich von der Ausstattung noch gar nicht erst angefangen. Ein paar der Highlights gefällig? Bitteschön: Luftfederung, elektrisch verstellbare Rücksitze, elektrische Türen rundum. Ja, genau so habe ich auch geschaut. Wer soll noch europäische Autos kaufen, wenn die Chinesen solche Angebote in die Showrooms stellen?

Porsche Cayenne? Nein, das ist der Zeekr 7X
Doch dies ist ja bereits die x-te Welle an chinesischen Versuchen, im europäischen Automarkt Fuss zu fassen. Marken wie Brilliance oder insbesondere Qoros sind nach grossem Presserummel sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden. Auch sie überzeugten damals mit unschlagbarem Preis-/Leistungsverhältnis und im Falle von Qoros sogar mit von europäischen Herstellern abgeworbenen Konstrukteuren. Schnell wurde man jedoch von der qualitativ fragwürdigen Realität eingeholt. Been there, done that. Trotzdem kann ich schon nach dem ersten Blick auf den Zeekr 7X sagen: Das wird hier nicht passieren. Denn er schaut wie alle Zeekr-Modelle schon sehr attraktiv aus, bevor man sich mit den Innereien und den finanziellen Fragen überhaupt befasst hat. Kein Zufall, denn das Design stammt aus der Feder von Stefan Sielaff, der zuvor bei Audi und Mercedes die Feder führte.

Die 21 Zoll Räder tragen Continental-Bereifung
Der Vergleich mit einem Porsche Cayenne drängt sich vor allem am Heck auf, wo das durchlaufende Leuchtenband mit der Abrisskante darüber sehr stimmig wirken. Das Gesicht dagegen ist ziemlich eigenständig gestaltet und wird von der schwarzen Blende oberhalb der Scheinwerfer dominiert. Die präsenten Kotflügel ragen muskulös aus der Haube, als ob darunter riesige Räder Platz finden müssten. Tatsächlich steht der Wagen nicht nur auf 21-Zöllern, sondern auch auf feinen Gummis aus dem Hause Continental. Wo andere Newcomer zu wenig vertrauenswerten Linglong-Pneus greifen, setzt man bei Zeekr auf bekannte Qualität.

Zeekr 7X: Ein Name, den man sich merken sollte
Also, mach’ auf die Tür! Mein erster Versuch scheitert kläglich an den versenkten Türgriffen. Ich schaue mir den Wagen nochmals genau an und erspähe die kleinen kreisrunden Buttons an B- und C-Säule. Tatsächlich, ein Knopfdruck und die Fahrertür schwenkt elektrisch auf. Das geschieht mit Rücksicht auf Menschen, benachbarte Fahrzeuge oder andere Hindernisse. Dass dieser Partytrick auch von innen mit allen anderen Türen funktioniert, verschafft gerade bei China-Zweiflern die nötige Aufmerksamkeit.

Leuchtend: Am Heck gibt’s wie heute üblich ein durchgehendes Band
Meine Aufmerksamkeit wende ich nun dem Fahren zu. Wie man es von Geely-Produkten kennt – Zeekr gehört ebenso zum Konzern wie Polestar oder Volvo – wird auf einen Startknopf verzichtet. Also geht’s direkt nach einem Zug am Lenkstockhebel los. Im grossen Display wird der 7X dreidimensional beim Verlassen des Parkplatzes gezeigt. Jetzt wird es Zeit, den 646 Pferden etwas Auslauf zu geben. Der Nackenschlag bleibt auch im Sportmodus aus, eindrücklich ist der Vortrieb aber allemal. Kein Wunder bei fast 650 PS. Der 2,5-Tonner versteht sich aber trotz sportivem Aussendesign und Leistungsdaten eher als Cruiser mit Beschleunigungstalent. Darauf deutet auch die eher gefühlose und sehr leichtgängige Lenkung hin. Die Sitze sind bequem, könnten aber im Schulterbereich mehr Halt bieten.

Kennt man von Polestar: Freistehende rahmenlose Seitenspiegel
Der Komfort des Gestühls endet nicht bei der Polsterung. Neben Heizung und Kühlung hilft vorne die Massagefunktion, auch längere Reisen angenehm zu gestalten. Auch die Rücksitze lassen sich elektrisch verstellen. Typisch chinesisch: Der Chef sitzt hinten rechts. Er hat die Möglichkeit, den Sitz vor ihm direkt aus dem Fond nach vorne zu schieben – auch das natürlich elektrisch.

Eigenständig: Das Gesicht des 7X hat einen gewissen Wiedererkennungswert
Dass dies auch für die Rollos an den hinteren Seitenscheiben und jenes fürs Panoramadach gilt, kann nicht überraschen. Ja selbst für guten Duft ist gesorgt. Helsinki Snow heisst das Aroma, dass sich auf Wunsch im Innenraum verteilen lässt. Ehrlicherweise hat es für mich so gerochen, wie Schnee ob in Helsinki oder anderswo eben riecht: Nach nichts. Vielleicht fehlt es mir auch einfach an Frau Smillas Gespür.

Schön eingerichtet: Das Interieur sieht nach Premium aus und fasst sich auch so an
Gespür für Materialien und Design hat man bei Zeekr also definitiv. Wie schaut es mit der Assistenz aus? Mein Erfahrung war zwiespältig. Bei einer Probefahrt von Winterthur nach Zürich, steuerte der Assistent weitestgehend souverän und überraschenderweise sogar ohne Berührung des Lenkrads. Das dürfte eigentlich gar nicht gehen. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass sich dieser Umstand nicht replizieren lässt. Schon nach kurzer Zeit verlangt der 7X nach meiner ihn berührenden Hand. Ähnlich gemischt sind meine Erfahrung mit dem eingebauten Sprachassistenten ZeekrGPT. Während meine Wünsche bezüglich Temperaturänderungen gut verstanden und umgesetzt werden, scheitern Navigationseingaben ausnahmslos erfolglos.

Abrisskante: So sportlich sich der SUV gibt, fährt er nicht
Sehr erfolgreich dagegen: Die Effizienz laut Bordcomputer. Auf über 500 Kilometer wurden im Schnitt 18,3 kWh auf 100 km verbraucht. Klar, da kommen noch die Ladeverluste dazu. Eine Reichweite von locker über 500 Kilometer dürfte in der Region von ähnlich starken Benziner-SUV liegen. Die vornehme Stille im Innenraum gibt’s noch gratis obendrauf.

Türknopf: Ein Druck und schon geht die Türe auf
Dass es den Zeekr 7X Privilege AWD nicht ganz gratis gibt, haben wir schon ganz oben geklärt. Trotzdem ist der chinesische SUV tatsächlich ein verführerisch gutes Angebot, zumal er keine der typischen Schwächen aufweist. Klar würde man sich manchmal eine eingängigere (vielleicht weniger Touch-lastige) Bedienung wünschen, natürlich dürfte die Sprachassistenz besser funktionieren und selbstverständlich sollte die Spurhalteassistenz verlässlicher klappen. Die Abstimmung könnte entsprechend des Looks und der leistungsmässigen Potenz zumindest im Sportmodus etwas agiler sein. Aber unter dem Strich legt Zeekr hier gerade auch mit der Ladeleistung (10 – 80% unter Idealbedingungen in 13 Minuten) einen sehr reifen Auftritt hin. In der Schweiz ist man bereits an über 20 Standorten vertreten. 10 Jahre Garantie klingen auch überzeugend.

Schwarzweiss: Wie dem Zeekr 7X wohl eine kräftige Farbe stehen würde?
Wer noch Argumente gegen den 7X sucht, wird bei der Individualisierung fündig: Aussen gibt es vier Farben zur Auswahl, innen genau eine. Und eines gibt es natürlich nicht gegen Geld und gute Worte: Das Image eines europäischen Premiumherstellers. Doch ist das in Zeiten der schnellen Neuentwicklungen und der sich angleichenden Technologie im Antriebsbereich heute noch ein entscheidender Punkt?
