Je nach Lichteinfall erinnert Giallo Ocra an das Gold des Alfa Romeo Montreal. Die Parallelen zur Ikone sind aber eher knapp. Klar, vorne grüsst der Scudetto. Unter der Haube sitzt aber kein Renn-V8, sondern eine moderne PlugIn-Hybrid Kombination. Letztere hat dafür deutlich mehr Leistung: 280 PS stehen an, wenn sich Verbrennungs- und Elektromotor im Gleichschritt anstrengen. Der Alfa Romeo Tonale Ibrida Plug-In Sport Speciale Launch, so heisst der Testwagen mit vollem Namen, ist ein frisch überarbeiteter SUV der Kompaktklasse.

Glänzt: Giallo Ocra nennt sich die Farbe, die so schön im Sonnenlicht prickelt
Als ich zum ersten Mal in ihm Platz nehme, ist es sofort wieder da, dieses typische Alfa-Gefühl, das ich zuletzt im Junior etwas vermisste. Die Sitze umfassen Dich, das Lenkrad liegt gut in der Hand, die Anzeigen im Tacho sind klassisch (zumindest in der einen Ansicht), meine Finger gleiten über feines Material und der rechte Arm findet wie von selbst seinen Platz auf der dafür platzierten Stütze. Die Augen streicheln das über die ganze Breite verteilte Alcantara.

Funzt: Ein klassicher Alfa-Arbeitsplatz, den man gerne bedient
Der Startknopf am Lenkrad ist noch bekannt, die etwas sperrigen aber schönen Paddel (Aluminium!) ebenfalls. Danach enden aber die Verbindungen zu früheren Modellen. Ich drehe den Fahrstufenwählknopf nach rechts. Vollgeladen setzt sich die Fuhre elektrisch in Bewegung. Nicht ganz 13 kWh stehen dafür zur Verfügung. Wenn die Stromreserve aufgebraucht ist oder bei grösserem Leistungsbedarf setzt der Verbrennungsmotor ein. Der 1,3-Liter Vierzylinder Turbo verfügt über 180 PS und treibt die Vorderachse an, während die 122 Elektro-PS auf die hinteren Räder wirken. Somit ist die Bezeichnung Q4, die bei den Italiernern für Allradantrieb steht, natürlich angebracht.

Lädt: Als PlugIn-Hybrid konzipiert, bewegt man den Neapolitaner mit Vorteil elektrisch
In einen Alfa gehört nun seit einiger Zeit auch der DNA-Schalter, der einen zwischen Neutral, Dynamic und All-Weather wählen lässt. Vermissen tue ich einen EV-Schalter, der emissionsfreies Fahren auf Knopfdruck ermöglichen würde. Dafür gibt es einen E-Save-Button, der den Akku möglichst lange gefüllt lässt. Praktisch, wenn man in eine Stadt fährt und dort abgasfrei unterwegs sein möchte.

Passt: Der Name stammt von einem italienischen Alpenpass
Standardmässig priosiert der Tonale aber sowieso das elektrische Fahren. Als Reichweite stehen 66 (elektrisch) und 450 (Benzin) Kilometer im Display. Wie jeder PlugIn-Hybrid macht auch der Tonale dann die beste Figur, wenn man möglichst immer innerhalb der elektrischen Range bleibt. Dann dürften Besuche an der Tankstelle nur höchst selten vorkommen. Ich fahre in Luzern los, um auf dem Weg in die Zürcher Innenstadt herauszufinden, wie weit mich die Ionen tragen. Tatsächlich schaltet sich auf der Autobahn erstmals kurz der Vierzylinder ein, um direkt wieder zu verstummen. Das vom Tempomat gehaltene Tempo entspricht dem jeweiligen Limit. Nach über 60 Kilometer ist der Akku noch nicht leer. Die versprochenen 66 stimmen also.

Stimmt: Die Proportionen des Tonale überzeugen auch nach einigen Jahren Bauzeit noch
Hier in der Stadt wird die etwas indifferente Lenkung besonders spürbar. Es fehlt an Rückmeldung und sie ist generell zu leichtgängig, was sich auch im Dynamic-Mode nicht genügend ändert. Hier hätte ich mir mehr Alfa-Feeling gewünscht. Beim Parkieren ein weiterer Kritikpunkt. Die hilfreichen Kameras rundum funktionieren zwar sehr gut, die Sensoren vorne mahnen aber schon zum Stopp, als die Distanz zum Vorderwagen eher in Meter denn Zentimeter gemessen werden müsste. Noch mehr Ungemach bringt die Tempolimitwarnung. Erstens heisst sie verwirrenderweise Traffic Sign Recognition Warning, zweitens wird das Tempolimit sehr häufig falsch erkannt und drittens braucht es mindestens drei Klicks im Menü, um sie auszuschalten. Als Bonus obendrauf findet sich der Menüpunkt genau auf einem Seitenumbruch, der aber beim Scrollen meist zuerst übersprungen wird, so dass ich jeweils deutlich zu lange vom Fahren abgelenkt werde.
Wechselt: Kaum zu erkennen wechselt hier die Farbe der Alfa-Schlange von Grün auf Türkis.
Doch zum Fahren kehren wir jetzt zurück. Das funktioniert nämlich tadellos. Fahrwerk, Bremse und Getriebe machen vor allem dann einen richtig guten Job, wenn man es etwas dynamischer angeht. Für flotte Landpartien mit langgezogenen Kurven scheint er gebaut zu sein. Dann spüre ich auch die 280 PS, die sich sonst eher nach weniger anfühlen. In 6,2 Sekunden soll der PHEV auf Tempo Hundert sprinten, durchaus glaubhaft. Dass der Tonale so ein Dynamiker sein kann, mag mit Blick auf den Ursprung der Plattform erstaunen. Denn darauf standen auch einmal die eher hüftsteifen Fiat 500L und Jeep Renegade. Doch wenn sie bei Alfa etwas können, dann Fahrwerke.

Dreht: Die Dreilochfelgen stehen dem Alfa Romeo Tonale hervorragend
Der Tonale bleibt neben aller Dynamik auch mit dem Facelift ein durchaus praktischer SUV, in dem man auch hinten bequem sitzen kann. Vorne sind die Sitze richtig gut und auch für Grosse gut geeignet. Der Kofferraum ist beim PlugIn allerdings auf knappe 385 Liter geschrumpft. Das Fach unter dem Boden fällt daher auch sehr flach aus.

Leuchtet: Das LED-Design am Heck ist auch bei Nacht gut erkennbar
Alles andere als flach fällt naturgemäss die äussere Form aus. Auch nach vier Jahren Bauzeit hatte er nicht unbedingt ein Facelift nötig. Das Design ist gut gealtert, wirkt immer noch frisch, auch im Konkurrenzumfeld. Verständlich, dass sich die chirurgischen Eingriffe dann auch in sehr engen Grenzen halten. Einfachstes Erkennungszeichen sind die vier vertikalen Schlitze neben dem typischen V-förmigen Grill (Scudetto). In Letzerem finden sich jetzt horizontale, gewellte Streben, wo vorher noch ein Netzgrill als Dekorationselement diente. Darunter liegt nun das Nummernschild an zentraler Lage, das vorher asymmetrisch montiert war. Ebenfalls neu sind die hübschen 3-Loch-Felgen im 20-Zoll-Format.

Fährt: Zwar nicht wie ein 458 Speciale, aber durchaus dynamisch
Der Abstandstempomat funktioniert nicht schlecht, bremst aber relativ „eckig“ und dürfte dadurch manche Pilotin von seiner Nutzung abschrecken. Ähnlich schaut es mit Apple CarPlay aus. Die Verbindung klappt gut, doch die gut gemeinte Einblendung der GoogleMaps Navi-Anweisungen im Tourenzähler ist unruhig und verwirrt durch ihr ständiges Aufblitzen zu sehr. Wer beim Abstellen direkt den Knopf drückt und die Park-Stellung des Getriebes vergisst, scheitert und wird mit Warnlauten ermahnt. Es sind solche Kleinigkeiten, die im Alltag nerven können. Man mag sie als charmante Eigenheiten des Neapolitaners sehen. Am Ende sind es es mitunter sie, die den Alfa Romeo Tonale vor allem für jene attraktiv machen, die ihn attraktiv finden. Er fährt gut, schaut gut aus und fasst sich gut an.

Geschlitzt: An den Schlitzen seitlich des Scudettos erkennt man die Faceliftvariante am einfachsten
Der Test-Tonale ist ein Sport Speciale Launch, der für 58’290 Franken sämtliche wählbaren Optionen bereits serienmässig an Bord hat. Nur die sehr schöne Farbkombi aus Giallo Ocra und schwarzem Dach schlägt noch mit 1600 Franken zusätzlich zu Buche. Gegenüber einem gleich ausgestatteten Veloce spart man so noch immer 2500 Franken. Im Alltag lässt sich vor allem mit dem Elektromodus sparen. Dazu noch ein letzte Kuriosität: Um die Wirtschaftlichkeit der aktuellen Fahrweise anzuzeigen, wird die Alfa-Schlange unter dem Tacho jeweils entsprechend eingefärbt. Aber nicht etwa naheliegend rot und grün, wie man es erwarten würde, sondern türkis und grün, so dass man die beiden kaum unterscheiden kann. Am meisten Spass macht er aber sowieso als „Plag’-ihn-Hybrid“, dann wenn man ihm so richtig die Sporen gibt und der Tonale durch die Kurven wetzen kann. Vielleicht ist die Nähe zum Montreal am Ende dann doch grösser etwas denn gedacht.
