Die Kadenz, mit der Kia Neuheiten raushaut, ist beeindruckend. Die sichere Hand, die man beim wichtigen Faktor Design an den Tag legt, macht die Sache noch spannender. So hält sich meine Überraschung in Grenzen, als ich zum ersten Mal vor dem gänzlich neuen Modell EV4 stehe. Der Elektrokompakte schaut gut aus, auch wenn er an nichts erinnert, was ich zuvor auf unseren Strassen gesehen habe. Allenfalls sieht man ihm seine Verwandtschaft mit dem EV3 und EV9 an, doch ein grosses Mass an Eigenständigkeit bleibt definitiv. Wobei der Vierer etwas mehr nach Kompaktem und etwas weniger nach SUV aussieht. Besonders positiv sticht mir die Farbe ins Auge. Der Mattlack hört auf den Namen Ivory Silver und erinnert an Concept Cars der 1990er-Jahre. Damals stellte man sich in diesen Farben und Formen die Zukunft vor.

Cut! Das steil abgeschnittene Ende der Steilheckvariante gibt dem EV4 einen individuellen Look.
„Bewegende Elektromobilität in ihrer mutigsten Form“ sei der EV4. Mutig ist die Form auf jeden Fall, gefällig aber auch. Ein Kunststück, dass den Koreanern schon beim EV3 geglückt ist. Doch Optik ist bekanntlich nicht alles. Also starte ich den winterlichen Trip ins frischverschneite Engadin. Ski und Gepäck finden im Platz, wobei eine zentrale Durchreiche leider fehlt. Somit muss ein er der äusseren Rücksitzplätze für die Latten geopfert werden. Der Fahrersitz ist bequem, lässt sich wie das heizen, belüften und (im Stand) per Taste in eine Relaxposition bringen. Die Tasten hierfür finde sich in der Türtafel, wo auch jene für die Lenkradheizung sitzt. Allzu lange sollte man den Blick nicht von der Strasse abwenden, sonst motzt der Aufmerksamkeitsassistent, der die Fahrer:innenaugen in seinem Blick hat. Wer die Knöpfe nicht findet, kann die Funktionen auch per Sprachbefehl aktivieren.

Auffällig: Von vorne wird ersichtlich, wie weit aussen die Leuchten angebracht sind.
Um loszufahren bedarf es auch einer Aktivierung des Antriebs. Am entsprechenden Lenktstockhebel wurde dafür eine Powertaste angebracht. Wer den Ablauf intus hat, drückt den Knopf beim Einsteigen und dreht schon kurz danach auf D. Praktisch geräuschlos stromt der EV4 los. Die Übersicht ist gut. Der Fronttriebler hat naturgemäss keinen übertrieben guten Wendekreis, bleibt aber dennoch agil. Vor allem federt er aber sehr angenehm, was für den Kurztrip in die Berge definitiv von Vorteil ist. Voll geladen und beladen geht es auf die Autobahn.

Matt: Die Lackierung verleiht dem EV4 Concept-Car-Vibes.
Dort wird mir bewusst, wie speziell diese Fahrt ist. Denn einen Kia EV4 sieht man hier nirgends. Denn dieses Auto ist wirklich brandneu. Und es schaut ein bisschen aus wie ein UFO. Ein unbekanntes fahrendes Objekt. Vorne die durchaus a einen Fisch erinnernde, tief heruntergezogene Schnauze. Die Scheinwerfer sitzen ganz aussen und sind fast gänzlich in der Vertikale ausgeführt. Seitlich gaukeln schwarze Radläufe grössere Räder vor. Auffällig ist die schwarze Blende vor der C-Säule, welche die Dachlinie unterbricht. Der senkrechte Heckabschluss hält auch den hinteren Überhang kurz. Am Heck selber findet man dann wieder ganz aussen liegende Leuchteinheiten, die allerdings entsprechend dem momentanen Trend über ein schmales Band miteinander verbunden sind. Ich finde, das UFO schaut richtig gut aus, aber das bleibt natürlich Geschmacksache. Eigenständig ist das Design auf jeden Fall.

Kommandozentrale: Das Cockpit ist übersichtlich und modern
Wir bleiben bei den Abkürzungen mit drei Buchstaben: HDA. Der Highway Driving Assist reguliert den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug, hält die Spur und passt das Tempo dem geltenden Limit an. Letzeres funktioniert tatsächlich ziemlich zuverlässig. Dazu kommt die Fähigkeit, dem Tippblinker folgend selbsttätig einen Spurwechsel zu vollziehen. Dabei achten die Helferlein auch auf den von hinten kommenden Verkehr. So fährt es sich sehr entspannt bis nach Thusis. Ebenfalls willkommen ist die Einblendung der jeweiligen Seitenkamera beim Aktivieren des Blinkers, wobei das Bild direkt im Tachobereich gezeigt wird.

Kompakt: Der EV4 kommt weniger „suvig“ als EV3 oder EV9 daher
Nun geht es weiter mit CSS. Nein, nicht mit der Krankenkasse. Combined Charging System oder eben CSS nennt sich der Anschluss, auf den man sich flächendeckend zum Schnellladen geeinigt hat. Bei der Raststätte Viamala Thusis stehen wir bei 60% SOC. Somit reicht voraussichtlich eine Ladung auf 80% SOC, um damit über den Pass und auch wieder zurück nach Luzern zu kommen. Die theoretisch möglichen 130 kW Ladeleistung erreicht der EV4 bei Weitem nicht. Ich führe das auf die Aussentemperatur, das fehlende Vorkonditionieren der Batterie und auch auf die gut ausgelasteten Ladepunkte in Thusis zurück. Mit gerade einmal 45 kW brauchen die 20 Prozentpunkte dann doch ein bisschen Zeit.

Nicht so schnell: Aufgrund diverser Faktoren wurde nur mit ca. 45 kW geladen
Für den Pass wechsle ich an der mittleren Lenkradspeiche den Drive Mode auf Sport, worauf sich (natürlich) auch die indirekte Beleuchtung rot färbt. Bei 204 PS an der Vorderachse und 1,9 Tonnen Leergewicht hält sich der Effekt in Sachen Längsdynamik arg in Grenzen. Das Ansprechverhalten von Gas- und Bremspedal passt aber deutlich besser in den kurvigen Abschnitt. Den Sitzen, die auf der Autobahnetappe noch sehr bequem waren, fehlt es nun an Seitenhalt. Ansonsten passt das Paket aber durchaus. Die Lenkung ist feinfühlig und ermöglicht ein präzises Platzieren in den Kurven. Die Leistungsabgabe erfolgt angenehm sanft, so dass durchdrehende Räder auch in engen Kurven nicht vorkommen. Trotzdem reicht der Punch, um den RS-Kombis aus Ingolstadt mit etwas Respektabstand zu folgen. Bei zunehmender Dunkelheit zeigt sich das adaptive Lichtsystem von seiner positiven Seite. Das eingebaute Navi weist den Weg, wobei die Hinweise auch übersichtlich ins HeadUp-Display eingeblendet werden. Die Variante GoogleMaps ist über Apple CarPlay bzw. Android Auto ebenfalls kabellos möglich.

Starmap nennt Kia seine Leuchten
Überhaupt ist die Bedienung ausgereift. Natürlich lassen sich die allermeisten Funktionen über den Touchscreen abrufen, doch sind Temperatur- und Volumeneinstellungen auch via physische Tasten und eine zentrale Walze anpassbar. Es sind auch solche Annehmlichkeiten, die das Leben mit dem Kia EV4 so entspannt machen. So kann es nicht überraschen, dass man zahlreiche Ablagen vorfindet, um sein wichtigstes Zeugs in Reichweite bei sich zu haben.

Alle Autos sehen gleich aus? Kia beweist mit dem EV4 das Gegenteil (dahinter ein Kia EV3)
Natürlich ist die Reichweite an sich auch beim EV4 ein Thema. Bei doch winterlichen Temperaturen lag der Verbrauch inklusive Ladeverlusten bei 21 kWh auf 100 Kilometer sind aller Ehren wert. Somit wären die 400 km auch unter diesen Bedingungen erreichbar.

und weiter geht’s: Nach dem hier gezeigten EV4 folgt schon bald der EV5…
Wie erreichbar der Kia EV4 für seine Kundschaft sein wird, hängt natürlich auch von deren Portemonnaie ab. In der getesteten Top-Ausstattung GT-Line kommt er mit der grossartigen Mattlackierung (1950.-) und dem eher überflüssigen (weil nicht so grossen) Glasschiebedach und der Vehicle to Load Funktion auf einen Gesamtpreis von 55’550 Franken. Vielleicht findet sich noch eine Kia-Tasse, um den Betrag zu perfektionieren. Starten tut der EV4 in der sinnigerweise „Lite“ genannten Variante bereits bei 36’450 Franken. Dann ist das kleinere Akkupaket (58 statt 81 kWh) verbaut und die Ausstattung ist deutlich einfacher gehalten. Die 7 Jahre Werksgarantie sind aber ebenso dabei wie die Online-Dienste für die gleiche Dauer.
