Dating hat sich verändert. Wo früher erst langsam die Einzelheiten über das Gegenüber bekannt wurden, swipet man heute bequem durch Profile und trifft nur jene Menschen, die mutmasslich tatsächlich gut zu einem passen könnten. Ähnliches ist auch in der automobilen Welt geschehen. Pilgerte man früher als Interessent:in im März nach Genf und lernte da potentielle Mobilitätsbegleiter oberflächlich kennen, sieht das heute ganz anders aus. Im Netz geistern schon Monate vor Erscheinen die Fahrzeugdaten herum, Bilder und Videos gibt es ebenfalls schon lange vor offiziellen Präsentationen zu sehen.
Nun lädt Nissan also zum 1. Date mit dem neuen Nissan Micra. Nur echte Fans dürften es registriert haben: Der Micra hat sich vor drei Jahren klammheimlich verabschiedet. Jetzt ist er aber zurück und soll, so Nissan, die Kundschaft verführen. Das Unterfangen könnte, wobei das Nissan natürlich nicht so offen sagt, auch dank der bekannten Basis tatsächlich von Erfolg gekrönt werden. Unter dem Blech steckt der bereits erfolgreich gestartete Renault 5. Somit ist eines fix: Der neue Micra ist immer zu 100% elektrisch unterwegs.

Nissan: Die Verwechslungsgefahr wäre aber auch mit kleinerem Schriftzug vernachlässigbar
Doch schon auf den ersten Blick wird klar, dass hier nicht (wie bei den Mitsubishi-Adaptionen von Renault-Produkten) einfach ein Markenlogo angeklebt wurde. Die Japaner haben sich für die Präsentationsfarbe Blau entschieden, die dem Kleinwagen nicht nur gut steht, sondern ihn auch schon farblich von der französischen Basis wegrückt. An der Front fallen die als Halbkreise um die Hauptscheinwerfer angeordneten Tagfahrlichter auf. Sie skizzieren runde Augen und verleihen dem Vorderwagen ein Gesicht mit erfrischendem Design.
Seitlich hat man schwarze, relativ weit nach oben gezogene Schwellerverkleidungen verbaut. Dies verleiht dem Wagen aus Nissan-Sicht einen SUV-Touch, den ich nicht wirklich erkenne. Hinten hat man die Kreise dann nicht bloss angedeutet, sondern komplett rund ausgeführt. Somit ist auch das Heck total eigenständig und, vor allem von hinten schräg betrachtet, durchaus gelungen. Der Markenname prangt stolz auf einer schwarzen Blende zwischen den Rückleuchten.

SUV? Eher nicht. Trotzdem ist die Seitenansicht gelungen
Stolz auf den Innenraum darf man primär in Frankreich sein. Hier war die Gestaltungsfreiheit wohl eingeschränkt. Wobei man festzuhalten ist, dass dies nicht negativ sein muss. Warum etwas reparieren, das nicht kaputt ist? Eben. Und so blickt man im Nissan Micra auf eine Cockpitlandschaft, die aus dem 5 bestens bekannt ist. Sogar die Fahrmodi dürfen hier unter MultiSense gewählt werden. Und auch die typischen Bedieneinheiten am Lenkrad stimmen überein. Die Grafiken in den Screens (die somit ebenfalls mit Google BuiltIn funktionieren) wurden angepasst. Einzige offenkundige nicht digitale Unterschiede innen sind abgesehen vom Nissan-Logo die gelungenen Sitzbezüge.

Es blüht so rot: Bei Baden blüht gibt es Blumen im DriveIn-Verfahren
In der Spitzenversion Evolve geht es nun auf die vorgegebene Route in und um Baden. Auto-Speeddating sozusagen. Unser Date verläuft erfreulich harmonisch. Mit dem 3,95-Meter-Kleinwagen huscht es sich bestens durch die urbane Zone. Auf dem Überland-Teil der Strecke zeigt sich die Breite von 1,78 Meter nicht als nachteilig. Die Fahrwerksabstimmung ist bekannt und passt auch für flott gefahrene Bögen erfreulich gut. Die Lenkung könnte für Sportfahrer noch eine Spur direkter sein. Und an dieser Stelle habe ich mich gefragt, ob auch eine sportive Nismo-Variante denkbar wäre?

Farbig: Schön, dass sich Nissan mit dem neuen Micra auch farblich etwas traut
Nissan ist gewillt, den durch den Leaf einst vorhandenen Vorsprung, der dann (wie z.B. auch bei BMW und Opel/Chevrolet) verloren ging und sogar zum Rückstand wurde, wieder aufzuholen. Das merkt man beim Micra an allen Ecken und Enden. Natürlich wird er nicht nach Japan exportiert, sondern ist gänzlich auf den europäischen Markt ausgerichtet. Dass man trotzdem zahlreiche Mount-Fuji-Easter-Eggs im Auto untergebracht hat, ist wohl eher der Generation Instagram geschuldet. Die stürzt sich jeweils regelrecht auf solche coolen Details.

Eigenständig: Wer denkt hier an den Renault 5?
Im von uns gefahrenen Evolve werden immer die stärkere Motorisierung (150 statt 122 PS) und der grössere Akku (52 statt 40 kWh) verbaut. Er steht mit 36’200 Franken in der Preisliste und kommt in der Schweiz wie die anderen Micra mit 7 Jahren Garantie. Das sind satte 4 Jahre mehr, als Renault für den 5 gibt. Ebenfalls immer mit an Bord: Die von mir sehr geschätzte One-Pedal-Funktion. Daneben stehen drei weitere Rekuperationsstärken zur Auswahl, womit auch die „Segler“ unter den Elektropilot:innen glücklich werden sollten. Die Wahl erfolgt einfach als jene der Garderobe zum ersten Date: Einfach am jeweiligen Lenkradpaddel ziehen.

Schau‘ mir in die Augen: Die Tagfahrhalbkreise verleihen dem neuen Nissan Micra ein gut erkennbares Gesicht
Obendrauf kommen beim Evolve nur noch die Lackierung (650 Franken, ausser man nimmt Weiss), das Hands-Free Parksystem für 500 Franken und die helle Innenausstattung Chill für 450 Franken. Beim Testwagen war das serienmässige Audacious Innendesign montiert, das ebenfalls bestens zum Euro-Japaner passt.
Man kann sich durchaus vom neuen Nissan Micra verführen lassen. Neben gefälligem Äusseren ist es vor allem das rationale Argument der längeren Garantiedauer, das besonders für ihn spricht. Er kann auch als Erstwagen fungieren, dafür sorgt die ausreichende Reichweite und das angenehme Platzangebot für vier Personen. Ich jedenfalls würde mich über ein zweites Date mit ihm freuen.
