Gerade erst haben wir hier den EV4 getestet, schon folgt der nächste Streich. Auf den ersten Blick erkennt man die für Kia aktuell typischen Insignien an Front und Heck, doch die Silhouette gleicht eher einem klassischen SUV. Tatsächlich wäre ein Kia EV5 von der Seite betrachtet kaum von einem Dacia Bigster zu unterscheiden. Das muss nicht schlecht sein, mittelgrosse SUV sind noch immer sehr beliebt.

EV-typisch: Ein klassischer Grill fehlt, das Kia-Gesicht bleibt
Was heisst mittelgross? 4,61 Meter Lang und 1,87 Meter breit. Was heisst SUV? 1,67 Meter hoch und eine aufrechte Statur. Die Bodenfreiheit ist mit 17 Zentimeter nicht übertrieben gross. Ein Geländewagen will er ja nicht sein, dazu fehlt auch die nötige Traktion, denn der EV5 ist ein reiner Fronttriebler. Zum Zeitpunkts des Tests befindet er sich in der Schweiz noch nicht im Verkauf, weshalb die entsprechenden Daten noch nicht vorhanden sind. Auf der Website steht sogar noch „coming soon“. Die Leistung des GT-Line-Modells liegt aber auch hierzulande bei 218 PS, die Batteriekapazität bei 81,4 kWh.

Coming soon? Driving already. Wir fahren den taufrischen Kia EV5
Der Kia EV5 vertraut auf die 400V-Architektur, wie man sie auch im EV3 oder EV4 verwendet. Ultraschnelles Laden wie im EV6 oder EV9 ist damit nicht möglich, statt 240 sind es im EV5 maximal 150 kW. Elektrotechnisch immer noch nicht selbstverständlich: Der Neuling hat die Möglichkeit für V2L, V2H und V2G an Bord (ausgeschrieben: Vehicle to Load, Vehicle to Home, Vehicle to Grid). Eine 220V-Steckdose findet sich direkt im Kofferraum.

Praktische Grösse: Mit 4,6 Meter fällt die Parkplatzssuche nicht zu schwer
Doch mich interessiert nun zunächst einmal der Platz vorne links. Dort findet sich ein bequemer Sitz, wobei der Verstellbereich des Lenkrads für mich eine Spur zu knapp ausfällt. Ansonsten typisch Kia, übersichtlich, logisch aufgebaut und gut bedienbar. Dazu zählen auch physische Tasten für das Verstellen von Temperatur und Lautstärke. Eher etwas auf der günstigeren Seite wähne ich die verwendeten Kunststoffe, die allerdings härter aussehen als sie sind. Die meisten Oberflächen im Sichtbereich sind hinterschäumt.

Starmap: Die Tagfahrleuchten sind Marken-Erkennungsmerkmal Nummer 1
Ein bisschen schaumgebremst fühlt sich auch der Vortrieb an, als ich den Midsize-SUV auf die Autobahn steuere. Gegen 2,1 Tonnen wiegt er, was eine gewisse Trägheit erklären mag. Dazu regelt die Elektronik allzu forsche Beschleunigungsbegehren fast bist zur Unkenntlichkeit weg. Hier gilt also eher Balus Motto. Ich probiere es mit Gemütlichkeit und zack: Funktioniert. Dazu passt die gute Aussicht durch die grossen Fensterflächen und das Panoramadach. Auch die relativ breiten Sitzgelegenheiten, die allesamt beheizt und vorne auch noch belüftet sind, ergeben nun Sinn. Als Fahrer profitiere ich obendrein noch von einer Massagefunktion, die sich merkwürdigerweise meist eher auf den Hintern als auf den Rücken konzentriert.

Gefällig: Das Heck kann als Schokoladenseite des Kia EV5 gelten
Hinten gibt es ein fast schon verschwenderisches Platzangebot, insbesondere für die Beine. Dagegen fällt der Kofferraum mit 550 Litern eher durchschnittlich aus. Natürlich ist der Gepäckraum erweiterbar und auch eine Durchreiche für lange Gegenstände fehlt nicht. Manche mögen dem EV5 vorwerfen, dass ihm etwas die Charakterstärke im Design fehlt. Ich würde eher sagen, er ist der mehrheitsfähigste Entwurf im Kia-Programm. Die Sternenkarten-Rückleuchten sind hier zwar ebenso präsent wie die von den Scheinwerfern gerahmte Tigernase, doch abgesehen von diesen Details dominiert der typische SUV-Look.

Kia 2026: Das aktuelle Design reift langsam zum Familiengesicht
Und genau so fährt der EV5 auch. Eher unspektakulär, aber jederzeit vorhersehbar und gutmütig. Sportliche Ambitionen kommen trotz GT-Line Variante gar nicht erst auf. Dafür geniesse ich den Highway Driving Assist (HDA), der den Abstand hält, das Tempo entsprechend dem Limit anpasst und bei Spurwechseln das Lenken übernimmt. Trotzdem gilt natürlich stets: Hände am Lenkrad behalten. Und auch die Augen dürfen sich nicht zu lange ablenken lassen, sonst meldet sich sofort der entsprechende Assistent mit seinem Gepiepe.

Frunk: Riesig ist er nicht, Ladekabel passen aber gut hinein
Mit diesen Fähigkeiten dürfte der neueste Entwurf aus Südkorea eine sehr breites Publikum ansprechen, so dieses dann auch schon für den Sprung ins Elektrozeitalter bereit ist. Gerade die kleinen Passagiere auf der Rückbank, dürften gute Argumente für die Anschaffung finden. Denn die Kia-Ingenieure haben sich für den Mitteltunnel ein Fach einfallen lassen, dass es in sich hat. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine flache, nach hinten herausziehbare Schublade. Doch unter dem Gummideckel findet sich ein grosszügiger Stauraum, der bei Kindern schnell den Spitznamen „Geheimfach“ erhalten dürfte. Mit solchen wohlüberlegten Kleinigkeiten und auch dem kleinen Frunk unter der „Motorhaube“ gewinnt man Sympathien.
„Geheimfach“ vor der Rückbank
So sind hier auch die wegdrehbaren Cupholder oder der induktive Ladeplatz fürs Handy durchdacht. Dass man bei Kia und Hyundai das Kamerabild beim Blinken in den Tacho einblendet, ist mittlerweile nicht mehr neu, aber noch immer sehr hilfreich. Gerade bei kalten Temperaturen hilfreich: Die Möglichkeit, den Innenraum aus der Ferne via App vorzuwärmen. Das funktioniert über Kia Connect sehr intuitiv. Der elektronische Helfer meldet sich auch, um vom voll geladenen Akku zu berichten. Und damit man nicht mit offener Ladeklappe umherfährt, schliesst sich selbige von selbst.

Viel Platz: Auch zwischen den Sitzen gibt es zahlreiche Ablagemöglichkeiten
So langweilig sich der Kia EV5 fährt, so nützlich macht er sich also im Alltag. Vieles wird erleichtert, bequemer gemacht oder einfach nebenbei für einen erledigt. Das Wetter kann aber auch der neueste Kia nicht ändern, weshalb sein Stromkonsum während des Tests etwas hoch ausfiel. Bei Minusgraden wurden (inklusive Ladeverlusten) im Schnitt 25,5 kWh auf 100 Kilometer verbraucht. Dank 81 kWh Akkupack würde er aber auch so noch 300 Kilometer Reichweite schaffen.

Winter: Die tiefen Temperaturen verlangten dem Akku einiges ab
Mit 4,61 Meter Länge überragt er den Sportage übrigens um 6 Zentimeter bei praktisch gleicher Breite. Obwohl dieser frisch geliftet ist, kommt er noch in der alten Designsprache daher. Auch hier sieht man, wie sehr sich Kia noch immer schnell weiterentwickelt. Wer mit der Flut von chinesischen Neuheiten mithalten will, macht mit dieser Strategie sicher nichts falsch. Mit dem EV5 bringt man einen sehr fähigen elektrischen Alltags-SUV an den Start.
P.S. Inzwischen wurden die Ausstattung und Preise kommuniziert. Da der Testwagen ein GT-Line war, bei dem man ohnehin nur das Schiebedach (1500.- CHF) und die Farbe Iceberg Green (750.- CHF) hinzufügen konnte, ist der Gesamtpreis schnell ermittelt. Für 58’700 ist eine Vollausstattung an Bord, die aber den Wunsch nach Allradantrieb (zumindest vorläufig) weiter unerfüllt lässt.
