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Published on Juli 30th, 2017 | by Amadé Fries

Der Sportler wird erwachsen

Irgendwie ist Ford mit der Gestaltung der Focus-Front in einer Sackgasse gelandet. Den riesigen Aston-Grill des ST konnte man nicht mehr toppen, jedenfalls nicht grössenmässig. Also ging man beim RS den umgekehrten Weg und verpasste ihm einen kleineren. In der Mitte verläuft ein klobiges Stossstangenelement, das ein bisschen so aussieht, als hätte sich der schnellste Kompaktford das Messer zwischen die Zähne geklemmt. Was bei einer dunklen Lackierung nicht weiter stört, schaut beim hinreissenden Nitrous Blue dann doch etwas gar seltsam aus. Doch wie so oft ist es nicht die Schale, die uns interessiert. Denn hinter den gewöhnungsbedürftigen Grill packen die Kölner unglaubliche 350 Mustangs. (Ja, den praktisch gleichen Motor gäbe es auch für den amerikanischen Markenbruder.)

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Das sind also fast 50 mehr als im nicht gerade schwächlichen Vorgänger. Der wurde damals mit einer ausgeklügelten Vorderachse ausgestattet, um die Antriebseinflüsse in der Lenkung und vor allem das Untersteuern zu vermindern. Mit ziemlich mässigem Erfolg, muss man leider sagen. Jetzt ist also noch mehr Kraft an Bord. Doch bei Ford hat man dazugelernt: Der neue Ford Focus RS ist Allradler. Allgemein geht er die Sache etwas pragmatischer an. Zum ersten Mal gibt es ihn nämlich nur als Fünftürer.

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Wer die Türen an unserem Testwagen öffnet, blickt auf leckere Recarositze. Und wer nach dem Einsteigen die Höhenverstellung sucht, verflucht dieselben bereits das erste Mal. Denn das Finden einer perfekten Sitzposition ist so kaum möglich. Wer gerne tief in eine Auto drin sitzt, wird hier nicht bedient. Lösung: Die konventionellen Sportsitze bestellen, die ebenfalls mehr als ausreichend Seitenhalt bieten. Nur sehen sie halt nicht ganz so vorzüglich aus.

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Mit heiserem Geknurre erwacht der 2,3-Liter EcoBoost. Sofort wird klar, dass die Sitze gar nicht genug Seitenhalt bieten können. Es ist schwer, der Versuchung nicht zu erliegen, bereits im Stand etwas Gas zu geben. Herrlich pubertär lässt sich so die Tiefgarage beschallen. Passt irgendwie zum nicht gerade dezenten Heckspoiler, der fast schon böse Erinnerungen an die Bartheke des legendären Escort Cosworth weckt. Da musst man fast schon froh sein, dass der Innenraum jetzt nicht gerade an einen Rennwagen erinnert. Klar, man hat auf der Mittelkonsole noch drei Zusatzinstrumente drauf gepappt und ein paar nette Kontrastnähte wurden auch verwoben, aber damit hat sich’s dann auch. Grosse Emotionen gehen anders. Aber die gibt’s dann auch nicht für unter 50’000 Franken.

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Gleich beim Start fallen die schwergängigen Pedale und die knochige Schaltung auf. Der Focus will offenbar getreten und nicht gestreichelt werden. Mir soll’s recht sein. Mit breitem Grinsen aktiviere ich den Sportmodus, der den Charakter des neuen RS noch ein bisschen RaSsiger macht. Los geht’s, raus aus dem Dorf hinein in die ersten Kurven. Bei bestem Wetter und übersichtlichen Biegungen ist das Ausloten des Fahrwerktalents keine Kunst. Wie erwartet lenkt der neue RS trocken ein. Gasgeben in der Kurvenmitte wird nicht mit Untersteuern bestraft, so soll es sein. Doch was da mit etwas Übermut angeregt wird, fühlt sich total künstlich an. Eigentlich soll ein spezielles Torque Vectoring dafür sorgen, dass man sich wie in einem Hecktriebler fühlt. Tatsächlich ist die Veränderung der Drehmomentverteilung so deutlich zu spüren, dass man das Gefühl hat, im Kofferraum sei gerade ein junger Elefant auf die Kurvenaussenseite gehüpft. Mit dieser digitalen Veränderung in der Kraftverteilung erreicht Ford genau das Gegenteil dessen, was eigentlich angestrebt wurde: Ein gutes Gefühl bei flotter Kurvenfahrt. Und ein „natürliches“ obendrauf.

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Zusätzlich gäbe es noch den Driftmodus, der logischerweise Drifts erleichtern sollte. Doch weil das im Strassenverkehr sehr verboten ist, haben wir von einem Test abgesehen. ;-) Doch auch so kann man mit dem Ford Focus RS spassig unterwegs sein. Nur schon die freudige Geräuschkulisse trompetet insbesondere späterpubertierende männliche Piloten ein Lächeln ins Gesicht. Dann natürlich die krawallige Optik, die nur bei schwarz lackierten Exemplaren frei von jeglicher Peinlichkeit bleibt. Definitiv kein Auto, um das erste Mal bei Schwiegermama vorzufahren.

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Sitzt man erst einmal drin, sind da fünf durchaus ausreichend bequeme Plätze und einen Kofferraum gibt es auch. Das Highlight für jeden Focus-Newbie sind noch immer die automatisch ausfahrenden Türschoner. Ein Gadget, das man sich bei jedem Auto wünschen würde. Es kostet übrigens faire 100 Franken für alle vier Türen. Ansonsten sind es vor allem das Easy Driver Pack (830.-) und das Multimediasystem von Sony (800.-) die den Basispreis von 48’900 Franken auf immer noch faire 52’950 Franken anheben. Der teuerste Posten am Testwagen war die leuchtend blaue Lackierung (1300.-). Weder für Geld noch gute Worte gibt es übrigens ein Automatikgetriebe. Mit Blick zu BMW, Audi und Mercedes sollte sich das Ford vielleicht nochmals überlegen. Gerade, weil das manuelle Getriebe nicht gerade durch kurze Wege oder seidenfein rastende Rädchen brillieren würde.

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Abgesehen von den erwähnten Schwachpunkten ist auch der neue Ford Focus RS ein absoluter Freudenspender. Gegenüber seinem Vorgänger hat er an Praxisnutzen zugelegt. Sein Appetit ist ungebremst hoch (10,3 Liter im Testmittel). Wer eine nicht besonders vernünftige Alternative zu S3, M140 und Golf R sucht, wird bei Ford defintitv fündig. Und wenn wir an den ersten Golf R32 zurückdenken, haben wir den gerade wegen seiner unpraktischen Koenig-Sitze geliebt…


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