Die Geschichte, dass der Junior ursprünglich Milano hätte heissen sollen, wird man sich wohl noch in 100 Jahren als „Fun Fact“ erzählen. Wenige Tage nach der Vorstellung durfte der in Polen produzierte Elektrowagen genau deshalb nicht mehr so heissen. Dabei bezieht sich ja im Prinzip schon „Alfa“ auf die Lombardei, standen die Buchstaben doch ursprünglich für Anonima Lombarda Fabbrica Automobili. Inzwischen steht so ziemlich alles im Zeichen des Buchstabens E. Nur ziemlich, denn den Junior gibt es auch als Verbrenner und Hybrid mit elektrischer Hinterachse. Zum Test tritt aber die Elektroversion an. Und zwar die schnelle, sinnigerweise Veloce genannte.

Modern: Auffällige Tagfahrleuchten, kleine Hauptscheinwerfer
280 PS sind im Elektrozeitalter nicht mehr wirklich viel. Doch ein Blick auf das Leergewicht lässt die Vorfreude wachsen: 1600 Kilo. Die bildschönen Sitze ziehen einen förmlich in den Veloce hinein. Wie beim Scorpionissima von Abarth kommen sie von Sabelt und sind so haltstark wie sie aussehen, bleiben dabei aber erstaunlich komfortabel. Dass die Sitzheizung nur über den Screen (oder die Sprachsteuerung) aktiviert werden kann, gehört zu den Schrullen des Kompaktsportlers. Zu den Schrullen der Stellantisplattform gehört der relativ raumgreifende Fahrstufenschalter und die etwas zu lange Zeit, bis dieser ready ist, Befehle anzunehmen. Ich habe meinen Junior-Workflow schnell beisammen: Einsteigen, Powerknopf drücken, Angurten, D wählen, B für mehr Rekuperation drücken und schliesslich noch den Driving Mode auf Dynamic stellen. Etwas schade, dass die letzten beiden Schritte bei jedem Neustart wieder nötig sind.

Immer schön nach vorne schauen: Rechts unten verbirgt sich der ungeliebte Stellantis-Fahrstufenschalter
So eingestellt schleicht der Brera-rote Fünftürer aus der Tiefgarage. Ich habe den „Sportsound“ aktiviert, wobei dieser bei Weitem nicht so laut ist, wie beim Krawallbruder von Abarth. Die 20-Zöller sehen gut aus, scheinen mir für den Winter aber fast etwas zu schade. Auf meinen ersten Vollstrombefehl folgt langes Quietschen der Reifen, die Traktionskontrollleuchte flackert wie eine defekte Christbaumkette bevor es dann schliesslich doch noch zackig vorwärts geht. Bei erster Gelegenheit halte ich an. Das sollen Winterpneus sein? Die Strasse ist trocken, die Temperatur bei 6° C, trotzdem scharrt der Italiener (aus Polen) wie verrückt mit den Vorderrädern. Aber ja, da sind tatsächlich Sottozeros montiert. Das mechanische Torsen-Differenzial scheint dafür zu sorgen, dass ordentlich Wheelspin entsteht. Bei einem Hecktriebler würde das zu Driftspass führen, hier dagegen zu eher peinlichen Auftritten und vor allem öfters mal zum Pneuhändler.

Fast zu schade für den Winterbetrieb: Alfa 20-Zöller
Der Karosseriespengler dürfte dagegen eher selten aufgesucht werden. Die erfreulich kompakten Masse von 4,17m Länge und 1,78m Breite helfen beim Parkieren, das zudem durch die entsprechenden Sensoren unterstützt wird. Eine Kamera gibt es nur hinten, weshalb in der Vogelperspektive nur beim Rückwärtsfahren ein „ganzes“ Bild entsteht. Immer mal wieder mache ich mir von aussen ein Bild vom Junior. Natürlich steht im die rote Farbe unheimlich gut. Eine Ähnlichkeit zu den Plattformgeschwistern ist nicht zu erkennen. Der etwas überdesignte Scudetto-Grill sieht für mich weniger hochwertig aus. Doch die Front an sich überführt das klassische Alfa-Thema gekonnt ins Jetzt. Vier LED-Striche rahmen das Hauptleuchtelement ein. Ein grosser unterer Lufteinlass suggeriert Sportlichkeit. Das schwarze Dach lässt den Unterbau noch stämmiger wirken. Den nach oben gewanderten Türgriff sah man zum beim seligen 156 zum ersten Mal. Das „abgesägte“ Heck erinnert fast en wenig an die grossartigen TZ aus den 1960er-Jahren. Und der geschwungene, klassische Alfa Romeo-Schriftzug komplettiert einen Look, der tatsächlich die Brücke zwischen 2025 und der glorreichen Vergangenheit der Marke schafft.

Rosso Brera: Die Farbe, die auf jedem Junior-Bestellzettel stehen sollte
Und wer im Innern gerne den Stellantis-Einheitsbrei kritisieren will, findet dafür vor allem bei den erwähnten Bedienungseigenheiten Argumente. So fehlen auch hier die Haltegriffe für die Fondpassagiere. Und auch im Junior braucht es viel Gefühl, um die Innenbeleuchtung nicht nur aus- oder einzuschalten, sondern sie in den Tür-Modus zurückzusetzen (lange antippen, bitte, gerne). Gefühl würde man bei Alfa auch bei Lenkung und Fahrwerk erwarten. Und: Man wird nicht enttäuscht. Die Lenkung dürfte etwas schwergängiger sein, Präzision und Gefühl stimmen aber. Auf flotteren Landpartien kann der Veloce die Fahrwerkskompetenz demonstieren, wenn ihm nicht gerade wieder die mangelnde Traktion zum Verhängnis wird. Der Komfort ist trotz grossen Rädern relativ ok, einzig bei kleineren Schwellen braucht es definitiv Nehmerqualitäten. Hier fordert die sportliche Ausrichtung ein wenig Nachsicht, die das Alfa-Publikum jedoch sicher gerne mitbringen dürfte.

Scudetto: Es gab schon hübschere Versionen des kultigen Grills
Auch Gepäck darf einiges mitgebracht werden, immerhin 400 Liter schluckt der Kofferraum. Frunk gibt es keinen. Der Platz auf den Rücksitzen ist dagegen eher begrenzt, wird vor allem bei grossen Fahrern dann praktisch auf Kinderniveau degradiert. Dann wird der Junior Elettrica halt wieder zum Fahrerauto, was die wenigsten Kund:innen stören dürfte. Mich auch nicht. Eher störend: Bei Wintertemperaturen steigt der Vebrauch auf unpraktische 24,3 kWh auf 100 Kilometer. Bei 51 kWh Nettokapazität kann man sich die Praxisreichweite recht einfach selber ausrechnen. Berauschend ist sie definitiv nicht mehr.

Abrisskante: Integriert die Kamera, darunter der wunderbare Markenschriftzug
Abgesehen davon bleibt der Junior Veloce aber allein schon deshalb attraktiv, weil es von Alfa Romeo kein anderes Modell zu kaufen gibt, dass so aktuell ist. Giulia und Stelvio sind zwar gut, aber deutlich in die Jahre gekommen. Der Tonale kam reichlich spät und ist wie die beiden anderen Modelle zur Zeit nicht mehr bestellbar. Doch der Mi… ähm Junior trifft den Geschmack der Zeit perfekt. Ein Elektroauto, das nicht nur funktioniert und viel Fahrspass bietet, sondern auch so aussieht, dass man es tatsächlich in der Garage haben möchte. Wer sich den Testwagen dort reinstellen möchte, muss 51’590 Franken budgetieren. Abgezogen sind dann schon 1000 Franken Alfa Romeo-Bonus und 3500 Franken Lagerbonus. Obendrauf gibt’s sogar noch Winterkompletträder geschenkt.

Manche Berge sind fotogener als andere – manche Autos auch
Mit an Bord sind dann die Packs Sky (Schiebedach, vernachlässigbar), Tech (Matrix-LED, Parksensoren und -kamera, adaptiver Tempomat u.v.m.) und Sport (Sabelt Sportsitze, Sportlenkrad und Alcantara-Interieur) und die leuchtend rote Farbe mit schwarzem Dach. Serienmässig ist die Alcon-Bremsanlage, das mechanische Torsen-Diff, 25mm Tieferlegung, 20 Zoll, Infotainmentsystem UConnect und auch die automatische Klimaanlage. Nicht gegen Geld und gute Worte gibt’s den hierzulande besonders geschätzten Allradantrieb. Wer die Traktion an allen vier Rädern braucht, greift zum Ibrida Q4, der allerdings nur 145 PS leistet. Womit wir wieder bei so einer Art Fun Fact gelandet wären…

Kein Fun Fact: Das Design des Junior überzeugt besonders im Veloce-Trim
